1025: Borowski und das Fest des Nordens

Alles rund um die einzelnen Tatort-Folgen
Carrera124
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Re: 1025: Borowski und das Fest des Nordens

Beitragvon Carrera124 » Mo 19. Jun 2017, 08:56

Mich würde interessieren, was die Schauspieler denken wenn sie bei so einem Schrott mitwirken (müssen). Hysterische Kamera, mieser Ton, beides soll wahrscheinlich künstlerisch wertvoll sein.

Die Grundidee der Geschichte fand ich nicht mal schlecht, aber diese völlig konfuse Umsetzung mit sinnlosem Dauergekeife war unterirdisch.

Der Tatort braucht insgesamt dringend eine Qualitätsoffensive:
- strengere Prüfung und Auswahl der Drehbücher
- weniger pseudokünstlerische Experimente
- weniger Neufolgen pro Jahr (20 Stück würden auch reichen), diese dafür mit höherer Qualität
- Mut, bereits fertiggestellte Episoden vor der Ausstrahlung nochmal zu überarbeiten, wenn handwerkliche Mängel erkennbar sind (z.B. kaum verständlicher Ton)
Kunst kommt von können, nicht von wollen. Sonst würde es Wunst heißen.
witchy_woman
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Re: 1025: Borowski und das Fest des Nordens

Beitragvon witchy_woman » Mo 19. Jun 2017, 09:10

Purzelito hat geschrieben:Dass die Vorlage zum Drehbuch von Henning Mankell stammt, merkte man an der düsteren hoffnungslosen Grundstimmung des Films.

Gezeigt wird eine Stadt im Volksfestwahn und Menschen in ihr in absoluten Ausnahmezuständen.

Roman Eggers kommt nach Kiel zurück. Wo er sich in der zurück liegenden Zeit herumgetrieben und 40.000 € verbraucht hat, die ihm seine Freundin organisierte, wird nicht klar. Er trifft sowohl seine Ex-Frau als auch seine Freundin, die ihm beide wie Furien begegnen. In einer Spirale aus Gewalt, Unbeherrschtheit und Impulsivität wird er zum Mörder. Misel Marticevic spielt diesen Soziopath in eindringlichen und verstörenden Szenen. Eggers wird auf existenzielle Art und Weise auf sich zurückgeworfen und immer mehr in die Enge getrieben. Unglaublich die Szenen, in der er wie ein Tier eine Wurst in sich hineinfrisst oder unter der Dusche einen Zusammenbruch erleidet. Sein irrationales Handeln ist nicht immer verständlich. So rettet er Borowski aus der brennenden Wohnung, in die er zuvor einen Sprengsatz geworfen hat. Er hätte möglicherweise also auch am Ende den Sprengstoff für Grösseres einsetzen können.

Brand erscheint in dieser Folge unnötig aggressiv und naseweiss. Die Zusammenarbeit mit Borowski ist dermassen erschüttert, dass sie sogar ihren Chef belügt als es um die Fahndung nach Eggers geht. Für mich war diese Figur der Sarah Brandt eigentlich von Anfang an über, deshalb bin ich froh, dass es jetzt zu einem Ende kommt. Borowski könnte fortan auch gut allein ermitteln.

Borowski wirkt in dieser Folge gleichermassen, als wäre er in einem Ausnahmezustand. Nicht nur, dass er sich in alter Manier in den Tathergang und Täter einzufühlen versucht. Er verliert auch auf dem Volksfest die Kontrolle über sich und offenbart sich einmal mehr als ziemlich einsam. Er charakterisiert den Täter als "Geist", womit er eindeutig Recht hat und schaut dabei wie Jack Nicholson. Herrlich!

Am Ende werden die nutzlosen Fahndungsplakate für Eggers gezeigt, die bereits abgerissen von Autos überfahren werden. Im Zusammenhang mit der vielleicht oder doch nicht gebauten Bombe kleben da auch die Plakate zum "Kiel Explode Festival". Das könnte eine schöne Idee von Mankell gewesen sein.

Das alles geschieht in einem anstrengenden Szenenwechsel von Chaos, Gewalt und Einhalt gebietender Ruhe und mutet dem Zuschauer einiges zu. Ich fand es gelungen.


Am Ende dachte ich diesmal tatsächlich "zum Glück ist es jetzt vorbei".

Deine Bemühungen in Ehren, diesen Tatort positiv zu bewerten, aber da kann ich Dir leider nicht folgen. Das einzig Positive war für mich das Spiel von Misel Maticevic, das hatte ich aber auch nicht anders erwartet. Große Klasse. Nur leider reicht das allein nicht aus. Ich hätte gern mehr über diesen Typen erfahren: was hat ihn scheitern lassen, was hat er vor? Er war ja offensichtlich bereits mehrmals gescheitert..Beziehungen, kein Kontakt zu seinen Kindern, die sich untereinander nicht kennen..Geld verloren/falsch investiert/irgendein Geschäft geplatzt?? Das konnte man sich ausdenken. Wozu die Geschichte mit dem Sprengstoff? Das war für mich an den Haaren herbeigezogen, weil gerade ein großes Volksfest im Gange war und damit Fr. Brandt schön ausrasten konnte. Aber wo war sein Motiv?

Noch dazu ein völlig untypischer Borowski, der sich sofort in den Täter hineinversetzt ("sie hat ihn genervt"), gefühlt in jeder Szene zu irgendeiner Flasche greift, urplötzlich zum Aufreißer wird, raucht und immer noch nicht seinen Rasierer gefunden hat. HILFE!

Surreal auch die Szenen mit dem Baby und den "trauernden" Witwen am Ende. Das paßte doch überhaupt nicht zu den vorherigen Szenen.

Schade, daß Sarah Brandt auf diese Weise "verabschiedet" wurde. Das wird ihr nicht gerecht. Sie kam in dieser Folge nicht gut weg, aber sie war meiner Meinung nach ein gelungener Kontrast zu Borowski.
witchy_woman
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Re: 1025: Borowski und das Fest des Nordens

Beitragvon witchy_woman » Mo 19. Jun 2017, 09:13

Carrera124 hat geschrieben:Mich würde interessieren, was die Schauspieler denken wenn sie bei so einem Schrott mitwirken (müssen). Hysterische Kamera, mieser Ton, beides soll wahrscheinlich künstlerisch wertvoll sein.

Die Grundidee der Geschichte fand ich nicht mal schlecht, aber diese völlig konfuse Umsetzung mit sinnlosem Dauergekeife war unterirdisch.

Der Tatort braucht insgesamt dringend eine Qualitätsoffensive:
- strengere Prüfung und Auswahl der Drehbücher
- weniger pseudokünstlerische Experimente
- weniger Neufolgen pro Jahr (20 Stück würden auch reichen), diese dafür mit höherer Qualität
- Mut, bereits fertiggestellte Episoden vor der Ausstrahlung nochmal zu überarbeiten, wenn handwerkliche Mängel erkennbar sind (z.B. kaum verständlicher Ton)


Eine gute Idee.
Stimmt, zum Ton kann ich nur sagen: mies! Habe Dialoge teilweise nicht verstanden-aber das ist auch schon nichts Neues mehr.
Die Musik war schrecklich.
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Re: 1025: Borowski und das Fest des Nordens

Beitragvon Deichgraf » Mo 19. Jun 2017, 10:07

witchy_woman hat geschrieben:Schade, daß Sarah Brandt auf diese Weise "verabschiedet" wurde. Das wird ihr nicht gerecht. Sie kam in dieser Folge nicht gut weg, aber sie war meiner Meinung nach ein gelungener Kontrast zu Borowski.


Hm das es keinen richtigen Abschied gab, lag daran, das diese 2 Jahre !!! Alte Folge nicht als Abschied gedacht war, damals wollte Sibel Kekilli noch gar nicht aussteigen, das wurde doch erst letzten Herbst publik.

Diese Abstruse Folge hat man jetzt reingestopft, weil hier in Kiel gerade Kieler Woche ist.

Zitat Wikipedia :
Ausgestrahlt wurde der Film zwei Jahre nach den Dreharbeiten, da er passend zur Kieler Woche im Fernsehen laufen sollte. Deshalb gibt es auch keine Abschlussszene für die Kommissarin Sarah Brandt, da der Ausstieg von Sibel Kekilli zum Zeitpunkt des Drehs noch nicht bekannt war. Aufgrund der verspäteten Ausstrahlung (zur Kieler Woche 2016 war die Ausstrahlung nicht möglich) passt der Tatort auch nicht perfekt in die Sendereihenfolge. Klaus Borowski ist nämlich besonders übel launig und trinkfreudig, was als Auswirkungen des Tatorts Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes geplant war


Warum passte das Juni 2016 nicht, hast Du da mehr Infos, Francois ?

Und wieder muss ich auf dem unfähigen ARD Programmchef rumhacken, wann nimmt der endlich seinen Hut. :roll:
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Re: 1025: Borowski und das Fest des Nordens

Beitragvon Francois » Mo 19. Jun 2017, 10:29

Auf dem "ARD-Programmchef" rumzuhacken, trifft wohl den falschen. Es war eine Entscheidung des NDR-Filmchefs/der NDR-Redaktion, diese Folge aus verschiedenen Gründen zurückzuhalten.

Juni 2016 hat terminlich deshalb nicht geklappt, weil DasErste zum Zeitpunkt der Kieler Woche 2016 schon in der SOmmerpause war und außerdem sportliche Großereignisse in der Programmgestaltung Vorrang (!) hatten. Zugleich wollte der Sender diesen Film auf dem Hamburger Filmfest vorab präsentieren. Und weil er parallel zur realen Kieler Woche laufen sollte, ließ man Borowski und das verschwundene Mädchen und das tödliche Netz das Fest des Nordens "überholen". So schnell können 2 Jahre rumgehen.

Ich muss mal nachrechnen, ob das eigentlich jetzt derjenige TATORT ist, der am längsten auf seine Ausstrahlung nach Produktionsende. SPielt auf jeden Fall ganz oben mit...
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Re: 1025: Borowski und das Fest des Nordens

Beitragvon Deichgraf » Mo 19. Jun 2017, 10:50

Dann müsste eben der im NDR verantwortliche seine Konsequenzen ziehen.

Einen Tatort, der überhaupt nicht zur Reihenfolge von Borrowski passt, einfach nur wg. der Kieler Woche 2 Jahre später zu senden, ist total *plemplem*

Mit dem Frieda Hintergrund von der Folge davor (Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes) hätte nämlich dieser Außer Kontrolle Borowski, wie auch ursprünglich geplant, bestens gepasst, als nun.

Ganz davon ab, hätte man ja bei den Dreharbeiten im Juni 2015 schon wissen können, das im Sommer 2016 Fußball EM ist, und damit eine Ausstrahlung unmöglich ist, so das man den evtl. gleich im Sommer 2016 erst gedreht hätte, mit einem "normalen" Borowski.

Ist ja nicht so, das Fußball WM und EM zufällig kommen.
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Re: 1025: Borowski und das Fest des Nordens

Beitragvon Francois » Mo 19. Jun 2017, 11:24

Jan, dass du es "plemplem" findest, ist dein gutes Recht.
Ändern können wir eh nicht mehr.
Aber es gibt immer ein Für und Wider.
Ich persönlich denke, der NDR hat das richtig gemacht.

Es ist legitim und eher lobenswert, einen TATORT in der Zeit zu senden, in die er gut passt. Das haben schon viele Sender gemacht (OKtoberfest, Starkbierantsich, Fußballevents etc), auch hier hat sich das angeboten.
Wenn sich dann nach dem Dreh auch noch herauskristallisiert, dass die Kommissarin aufhören will, würde ich mir als Programmmacher dann schon meine Gedanken machen, wo der Abschied gut passt bzw wie ich den "inszenieren" lasse. Und wenn du im nächsten Borowski dann hörst,dass sie einen Versetzungsantrag stellt, ist das nach dem Fest des Nordens wohl am glaubwürdigsten und am besten nachvollziehbar (als bei den anderen beiden).

Und es ist sicher nicht der erste TATORT, der lange auf seine Ausstrahlung gewartet hat und wo durch die Tausch von Sende- und Drehreihenfolge - auch bei Abschiedsfällen (!), ich denke an Bienzle 2007 - zwar Brüche entstehen und Fragen auftauchen, wo dies aber durch das Gesamtereignis Film aufgewogen wird. Bei vielen anderen TATORTen hat es nie ein Zuschauer gemerkt, warum ist Polen hier jetzt eigentlich offen?

Natürlich kam die Fußball EM letztes Jahr nicht plötzlich, aber eben auch nicht die Kieler Woche. An den Terminen zu rütteln, ist schon nicht ganz so leicht. Dass es 2016 nicht gepasst hat, finde ich nachvollziehbar.
Und: Ich finde, 2016 und 2017 gab es weitaus "schlimmere" Programmplanungen am TATORT als die hier, ich meine besonders die desolate Planungen und Platzierungen vom Bayerischen Rundfunk, gerade im Hinblick auf die Continuity. Aber einige Redakteure betrachten eben jeden einzelne Folge auch zu starr als Einzelstück und sind überhaupt nicht offen für diese (unsere) Sichtweise. Schon weil der NDR das hier eben nicht gemacht hat, stimmt mich weiter positiv.
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Re: 1025: Borowski und das Fest des Nordens

Beitragvon Bulldogge » Mo 19. Jun 2017, 12:01

Francois hat geschrieben:Ich muss mal nachrechnen, ob das eigentlich jetzt derjenige TATORT ist, der am längsten auf seine Ausstrahlung nach Produktionsende. SPielt auf jeden Fall ganz oben mit...


Vielleicht der Veigl-Tatort "3:0 für Veigl"? Der war doch ursprünglich zu den Olympischen Sommerspielen 1972 geplant und wurde dann erst 1974 mit Bezug zur Fußball-WM gezeigt.
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Re: 1025: Borowski und das Fest des Nordens

Beitragvon Deichgraf » Mo 19. Jun 2017, 12:26

@ Francois, ich habe kein Problem damit einen Tatort erst 2 Jahre nach Drehschluss "passend" präsentiert zu bekommen, nur sollte man auf den Inhalt achten, bevor man so eine Entscheidung trifft, weil der passte Gestern überhaupt nicht. (Amok laufender Borowski, Abschiedsfolge von Sarah Brandt )

Wenn man so eine Folge dreht, schon mit dem Wissen, das der erst sehr viel Später gesendet wird, denn das wussten die, sollte man die Folge Neutral drehen, das die auch in spätere Zeitfenster problemlos passt, und man hätte mit dem Heutigem Wissen das Sibel Kekilli aufhört, noch ein anderes Ende auch 2 Jahre später noch gut einbauen können in den Film, ja sogar müssen.

Das mit den Ausstrahlungen kritisiere ich ja auch schon seit Monaten (Bayern Folgen Mai, die ganzen Cyber Tatorte letzten Herbst hintereinander, 3 Ballauf Schenk hinter einander im Winter etc ) Aber wenn ich Dich richtig verstanden hab, ist nicht ein ARD Programm Direktor Schuld, sondern das Kuddelmuddel der einzelnen ARD Anstalten.
Du wirst das doch sicher auch schon angesprochen haben, stößt Du da auf Taube Ohren, oder wie ?
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Re: 1025: Borowski und das Fest des Nordens

Beitragvon Carrera124 » Mo 19. Jun 2017, 12:35

Ich finde das mit dem Sendetermin auch eigenartig.
Die EM lief über mehr als 3 Wochen. Und da bekanntlich ARD und ZDF täglich abwechselnd senden, gab es in der ARD mindestens 2 "freie" Sonntage die mal prinzipiell in Frage gekommen wären. Wenn im ZDF dann die deutsche Elf parallel spielt, klar, da will man keine Tatort-Neufolge senden. Ich weiß jetzt nicht mehr wie der Spieplan genau war, aber zumindest an einem Sonntag dürfte das parallel stattfindende Spiel für deutsche Zuschauer nicht ganz so interessant gewesen sein.
Und die Sommerpause scheint eine extrem heilige Kuh zu sein - was spräche denn dagegen, da mal eine Ausnahme zu machen und einen Tatort-Neufolge zu senden? Ein Mindestmaß an Flexibilität und Willen natürlich vorausgesetzt.
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