1051: Im toten Winkel

Alles rund um die einzelnen Tatort-Folgen
(Tat)ortimOsten
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1051: Im toten Winkel

Beitragvon (Tat)ortimOsten » So 11. Mär 2018, 17:45

Radio Bremen
Bremen

Fernsehfilm Deutschland 2018

Erstsendung: 11. März 2018

Figuren:
Hauptkommissarin Inga Lürsen - Sabine Postel
Hauptkommissar Stedefreund - Oliver Mommsen
Helen Reinders - Camilla Renschke
Rechtsmediziner Dr. Katzmann - Matthias Brenner
Carsten Kühne - Peter Heinrich Brix
Horst Claasen - Dieter Schaad
Senta Claasen - Liane Düsterhöft
Sven Claasen - Nils Dörgeloh
Akke Jansen - Dörte Lyssewski
Thea Jansen - Hiltrud Hauschke
Oliver Lessmann - Jan Krauter
Max Lessmann - Leon Gundlaff
Darja Pavlowa - Jana Lissovskaia
Malte Sievert - Jörn Knebel
Angela Kühne - Irene Rindje

Musik: Michael Kadelbach
Kamera: Jonas Schmager
Buch: Katrin Bühlig
Regie: Philip Koch

Als der Rentner Horst Claasen seine demenzkranke Frau tötet, sehen sich die Bremer Ermittler Inga Lürsen und Stedefreund mit einem gesellschaftlichen Tabuthema konfrontiert. Hat sich Horst Claasen die häusliche Pflege tatsächlich nicht leisten können?

Der Gutachter Carsten Kühne führt die Ermittler Schicht um Schicht in den Alltag von Pflegenden ein, die sich aufopferungsvoll um ihre Angehörigen kümmern. Die Kommissare geraten in einen toten Winkel des deutschen Pflegesystems, ihnen stockt angesichts der Ungerechtigkeit und der persönlichen Schicksale der Atem.

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clubmed
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Re: 1051: Im toten Winkel

Beitragvon clubmed » So 11. Mär 2018, 21:26

Bewegendes Thema ohne Längen, der/die Täter/in für mich nicht vorhersehbar.
Mutter-Tochter Gespräch Lürsen absolut stimmig.
Wie oft saß ich da und fragte mich - und was würdest du tun?
Ich finde, so soll Tatort sein. Ich vergebe
10/10 Punkten, weil ich definitiv nichts auszusetzen hatte.

Starker Tobak, sensibel umgesetzt, hart an der Realität ohne großen Schnickschnack, ohne störende Filmmusik ohne Nebengedöns.

Und Twitter war erstaunlich ruhig - was ja ein großes Kompliment an die Folge ist. 8-)
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Purzelito
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Re: 1051: Im toten Winkel

Beitragvon Purzelito » So 11. Mär 2018, 22:13

Ich bin gespalten in meinem Urteil über diese Story. Eigentlich haben mich nur die Schauspieler der Kranken und ihrer Pflegepersonen überzeugt. Stedefreund blass, Lürsen wie immer die Betroffenheit in Person.

Die Handlung stark realistisch. Viele Zuschauer werden sie auf ihren Alltag projizieren können. Doch reicht diese Dokumentation des Pflegealltags in DE für einen Krimi? Damit man diesem Genre gerecht wird, musste dafür Korruption, Lug und Trug im Abrechnungswesen der Pflegedienste her. Doch Spannung wurde dadurch auch nicht erzeugt.

Im übrigen hat mich stark das Mitleidsgeheische für Claasen gestört. Schliesslich hat er seine Frau umgebracht, weil ihm das Wasser bis zum Hals stand, er in Mauschelgeschäfte mit dem Pflegedienst verwickelt war, sich seinem Sohn nicht anvertraut hat und keine Hilfe in Anspruch nehmen wollte. Kein Mitleid mit diesem kalkulierenden Mörder.

Alles in allem ein trister, langatmiger, unspannender Tatort mit Betroffenheitsattitüde.
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Carlo Menzinger
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Re: 1051: Im toten Winkel

Beitragvon Carlo Menzinger » So 11. Mär 2018, 22:42

Ich kann eigentlich nur Purzelitos Kommentar zustimmen. Erspart mir, selber viel dazu zu schreiben. Danke.

Mir kam das eher so ein bisschen wie eine Doku (report-Bericht) zum Thema Pflege im Alter und Mißbrauch durch Abzocke vor. Ein sicherlich wichtiges Thema. Aber als Krimi selbst war es dafür zu langatmig oder sogar langweilig umgesetzt. Ist mir komplett rätselhaft, wie man so etwas mit 10/10 bewerten kann (also keine Luft mehr nach oben?). Ich würde das (als Krimi gesehen) eher im unteren Bereich (3-4) ansiedeln. Ich hatte tatsächlich erwartet, danach Anne Will zu diesem Thema sprechen zu sehen. Wunderte mich dann aber doch über die eingeladenen Gäste und dachte noch, nee, das kann es eigentlich nicht sein.
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Wachtmeister
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Re: 1051: Im toten Winkel

Beitragvon Wachtmeister » So 11. Mär 2018, 23:37

Im toten Winkel ist ein Krimi und keine Dokumentation. Nicht alles, was Realitätsbezug hat, ist eine Dokumentation.
Thema ist nicht der "Pflegenotstand", sondern das Betrugssystem der Pflegemafia. Das würde schon für einen Krimi reichen, wird aber mit zwei Tötungsdelikten verbunden. Das wiederum ist recht konventionell für einen Anderthalbstünder: Die Mordkommission muß ermitteln und stößt dabei auf andere Verbrechen.
Es ist ein zeitgenössisches Kriminalitätsthema:

Pflege: Russische Pflegedienste betrügen das Sozialsystem - WELT

Berlin: Razzia bei Pflegedienstfirma wegen Betrugsverdachts - WELT

230 ambulante Dienste unter Verdacht: Die "Pflegemafia" wird zum Politikum - Berlin - Tagesspiegel

Daß drei Pflegefälle ausgewählt wurden, mag etwas willkürlich erscheinen, ist aber von der Autorin gut in den Komplex von Verbrechen und Aufklärung eingebaut worden. Der Aufbau des Plots ist nicht ganz konventionell. Denn bei der ersten Tötung, die gezeigt wird, fragt man sich, wie daraus ein Krimi entstehen kann. Für einen Howcatchem gibt es zu wenig Probleme. Der eigentliche Krimi entsteht erst mit der zweiten Leiche. Was davor geschah, ist aber nicht überflüssig, sondern die Vorgeschichte, die aus dem Whodunit, der dann folgt, etwas anderes als einen Krimi von der Stange macht. Im Drehbuch werden also durchaus gängige Mittel eingesetzt, aber auf unübliche Weise miteinander verwoben. Deshalb kommt man auch nicht ohne weiteres auf den Täter, obwohl er als solcher von vornherein angelegt ist.

Das Ermittlerduo wird zurückhaltend, aber nachdenklich dargestellt, was der Sache angemessen ist. Die dramaturgische Funktion dieser Zurückhaltung ist besonders deutlich beim Verhör der Pflegekraft, die eine Lüge nach der anderen auftischt, weil sie das Verhalten der Ermittler nicht durchschaut. Innerhalb des Films dient das der Aufklärung. Im Blick auf uns Zuschauer wird damit ein Aspekt des Betrugssystems verständlich gemacht.

Die Episodendarsteller sind sehr gut, teilweise beklemmend gut. Brix zeigt, daß er auch Rollen ohne Komik spielen kann. Anfangs wirkt er etwas undurchsichtig, am Ende erklärt sich das Verhalten.
Hiltrud Hauschke erschüttert als demente Thea Jansen, indem sie die gegensätzlichen Facetten ihrer Krankheit zeigt. Gesteigert wird das noch im Zusammenspiel mit Dörte Lyssewski als überforderter Tochter.
Dieter Schaad und Nils Dörgeloh als Vater und Sohn Claasen illustrieren nicht einfach Probleme von Pflegebedürftigkeit und mangelnder Ehrlichkeit, sondern zeigen, wie sich daraus Handlungsmotive ergeben.
Jan Krauter hatte eine schwierige Rolle zu bewältigen, die eines guten Menschen. Das hätte leicht in Kitsch abrutschen können – ist es aber nicht, weil der Schauspieler ohne Worte von Bestechlichkeit Abstand nimmt. Jedes overacting hat er vermieden.

Den rührseligen Schluß zwischen Lürsen und ihrer Tochter hätte man sich sparen können.

Insgesamt ist die Folge ein Tatort, der ohne Mätzchen auskommt. Die Fälle stehen im Vordergrund, nicht die Befindlichkeit oder psychiatrische Auffälligkeit der Ermittler. Die Geschichte wird konsequent durcherzählt. Der Stoff ist relevant. Die Inszenierung ist grundsolide. Kurz: ein guter Film.
TatortMiro
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Re: 1051: Im toten Winkel

Beitragvon TatortMiro » Mo 12. Mär 2018, 01:11

Kann mir jemand erklären, weshalb genau Horst Claasen seine Frau umgebracht hat? Er nahm Geld von Brix an, das dieser vermutlich vom Pflegedienst erhielt? (weil Frau Claasen kränker dargestellt wurde als sie wirklich war). Claasen wächst die ganze Sache irgendwann über den Kopf und bringt deshalb seine Frau kaltblütig um, im Anschluss versucht er sich selbst umzubringen? Ist das nicht ein wenig konstruiert?
Wie erfuhr sein Sohn Sven nach dem Tod des Vaters von den ganzen Machenschaften? Wenn ich es richtig verstanden habe hat Brix Sven Claasen auf dem Boot vom Betrug erzählt. Darauf eskalierte die Situation. Aber wie kommt es, dass sich die beiden auf dem Boot überhaupt getroffen haben und Brix freiwillig vom Betrug erzählt? Ist mir zu sehr konstruiert. Aber vielleicht habe ich bestimmte Hintergründe nicht verstanden.
Tatortjoe
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Re: 1051: Im toten Winkel

Beitragvon Tatortjoe » Mo 12. Mär 2018, 02:35

Ich gebe auch 10 Punkte.
Ein klassischer Krimi war es nicht, aber ein klassischer Tatort. Ein Kriminalfall (Zwei Morde und Pflege betrug) vor dem Hintergrund sozialer Probleme.

Ich fands extrem fesselnd über unerträglich zugleich. Hervorragend gespielt und die einzelnen Schicksale wurden dicht inszeniert.

-------
Übrigens, weil die Frage aufkam.
Claassen hat seine Frau umgebracht, weil trotz der Zuwendungen von der Pflegefirma das Geld nicht mehr reichte und er nicht mehr in der Lage war, seine immer kränkere Frau zu pflegen. Da er kein Sozialfall, sie nicht im Heim sein sollte und eine würdige Beerdigung brachte er sie und sich um. Kaltblütig ist was anderes.
flor61
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Re: 1051: Im toten Winkel

Beitragvon flor61 » Mo 12. Mär 2018, 07:23

Ich vergebe 12 von 10 Punkten, na gut, 10/10.

Wir sind im Moment in einer ähnlichen Pflegesituation. Deshalb saß ich mit offenem Mund und teilweise mit feuchten Augen vor dem TV. Hier wurde aus meiner Sicht die Pflegesituation mal aus Familiensicht dargestellt. Und das in Dt massiv im Pflegebereich betrogen wird, liegt auf der Hand. Aber hier wurde tiefer eingetaucht und erklärt, wie es geht.

Mein Dank geht an den ARD für den gelungenen Fernsehabend. Dafür zahle ich gerne GEZ, was ja im Moment ebenfalls ein offen diskutiertes Thema ist.

DANKE
Testbild
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Re: 1051: Im toten Winkel

Beitragvon Testbild » Mo 12. Mär 2018, 07:34

Ich denke, man kann einigermaßen zufrieden sein. Mehr aber - zumindest als Betrachtung der Kriminalgeschichte - leider nicht.

Zuerst befürchtete ich eine reine Themendoku, nachdem der Tod von Frau Claassen ja eindeutig geklärt schien. Zum Glück hatte ich keine Vorschau gelesen und wurde dann noch von Kühnes Tod überrascht. Dass sich die Suche nach dessen Mörder auf den Umkreis der bereits bekannten Personen beschränkte, lasse ich aus dramaturgischen Gründen gelten.

Dennoch fand ich einiges hanebüchen. Woher sollte Frau Jansen wissen, wo sich Kühne mit der Pflegedienstchefin trifft? Und warum fährt sie extra dorthin? Weil sie glaubt, Kühne milde stimmen zu können wenn sie ihm vor dem Lokal auflauert? Komischer Gedanke.

Und Claassen junior? Lauert der auch dem Kühne auf? Der konnte doch eigentlich wenig Ahnung davon haben, wo sich Kühne herumtreibt. Der konnte doch nicht einmal wissen, wie Kühne überhaupt aussieht. Verwirrend.

Claassen senior machte auf mich in der Klinik - gerade dem Tod von der Schippe gesprungen - einen deutlich fideleren Eindruck, als in der Anfangssequenz. Kann aber eine rein subjektive Wahrnehmung sein. Dennoch: Eigentlich unmöglich, daß er es schafft, sich in wenigen Minuten mit den Versorgungsschläuchen zu strangulieren. Zumal es sich hierbei i.d.R. um lose Steckverbindungen handelt.

Ob Claassen senior selbst beim Betrugsspiel mitmacht, konnte ich nicht ganz verstehen. Ich meine, daß in seinem Fall bzw. dem seiner Frau ohne deren Mitwirkung betrogen wurde.

Warum sollte Lessmann eigentlich bestochen werden? Um nicht gegen den Pflegedienst zu klagen? Macht für mich auch keinen Sinn, nachdem die Polizei schon eine Durchsuchung gemacht hat, Ob Lessmann noch eine Strafanzeige stellt ist dann auch wurscht. Sollte er in einer Zivilsache klagen - z.B. auf Schmerzensgeld - wäre kaum mit polizeilichen Ermittlungen gegen den Pflegedienst zu rechnen, das wäre dann wohl eher eine Sache des Haftpflichtversicherers. Die 100.000 EUR hätte sich die Pawlowa also sparen können.

Das Thema war natürlich schon beklemmend, aber eigentlich nix Neues. Und auch nix, womit sich der Tatort beschäftigen müsste.
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sintostyle
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Re: 1051: Im toten Winkel

Beitragvon sintostyle » Mo 12. Mär 2018, 07:37

Purzelito hat geschrieben:
Im übrigen hat mich stark das Mitleidsgeheische für Claasen gestört. Schliesslich hat er seine Frau umgebracht, weil ihm das Wasser bis zum Hals stand, er in Mauschelgeschäfte mit dem Pflegedienst verwickelt war, sich seinem Sohn nicht anvertraut hat und keine Hilfe in Anspruch nehmen wollte. Kein Mitleid mit diesem kalkulierenden Mörder.


Seh ich komplett anders. Ja er hat seine Frau umgebracht, weil ihm das Wasser bis zum Hals stand.
Allein schon dieser Umstand verdient Mitleid. Mein Grossvater wird auch Zuhause von meiner Tante gepflegt. Ich kann es also komplett nachvollziehen, was man durchmachen muss.

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