1050: Waldlust

Alles rund um die einzelnen Tatort-Folgen
Benutzeravatar
Purzelito
Beiträge: 293
Registriert: Fr 25. Nov 2016, 21:54

Re: 1050: Waldlust

Beitragvon Purzelito » Mi 7. Mär 2018, 16:24

Sonderlink hat geschrieben:Aber ich guck´den Zweiteiler auf jeden Fall.
Zeitkolorit, Zeitgeschichte. Und klar, auch die unrühmliche Rolle der Medien wird thematisiert. Aber die Geiselnehmer werden doch nicht "geehrt", was ist das für ein Unfug. Bei jedem neuen RAF-Film wird Terroristen doch auch wieder Aufmerksamkeit zuteil. Vor kurzem wurde der NSU-Dreiteiler auf mehreren Dritten wiederholt, also, was soll´s.

Zeitkolorit ja, aber Zeitgeschichte? Ist jedes Kapitalverbrechen Zeitgeschichte? RAF und NSU waren und sind ganz andere Dimensionen, weil der Staat und die Geheimdienste in einer Weise involviert waren, die unbedingt einer Aufklärung bedurften. Diese Aufklärung in Form von TV-Sendungen ist ok. Aber diese beiden Gernegrosse aus Gladbeck fallen in die unterste Kategorie. Ich würde den Zweiteiler begrüssen, wenn er sich ausschliesslich mit der Rolle der Medien auseinandersetzen würde. Tut er aber nicht. Er erzählt die Story aus der Perspektive der Opfer so wie ich gelesen habe. Man schlachtet von seiten der Medien also wieder den Fall aus, genau wie damals. Das ist das Verwerfliche daran.
Frau Vosen
Beiträge: 82
Registriert: So 8. Jan 2012, 21:44

Re: 1050: Waldlust

Beitragvon Frau Vosen » Mi 7. Mär 2018, 20:57

Pfälzer Wald und Gruselgasthof hatten wir doch vor ein paar Jahren schon einmal : "Der Wald steht schwarz und schweiget" nr. 838
Die Lokation hätte man doch gerne nochmal nehmen können, aber nach dem Irrsinn von letzter Woche (Halb SH als eine Insel verkauft ) wundert mich nix mehr.


Halb SH eine Insel ist auch gut, war ja wohl teilweise sogar auf Ostsee-Inseln. Immerhin ist es da aber ja noch das richtige Bundesland. Aber beim Ludwigshafen-Tatort hat das schon fast System, dass der fast immer in Baden gedreht wird. Der erwähnte "Wald steht ..." war fast schon eine rühmliche Ausnahme (das war allerdings nur eine Hütte und kein ehemals gediegener Gasthof.). Auch die Hotelgeschichte (ich glaube das war das erste Film mit Frau Stern) war in Baden-Baden. Und wenn mal wirklich Ludwigshafen zu sehen ist (da gibts natürlich auch nicht wirklich viel zu sehen), dann ist es meist von Mannheim aus gefilmt. In Köln wird ja auch gerne von der anderen Rheinseite gedreht, da ist es aber die gleiche Stadt und das gleiche Bundesland.

Ich finde das unglaublich ignorant. Bei Innenaufnahmen ist es mir ja egal, wenn es praktikabler ist, wo anders zu drehen. Aber zumindest bei Außenaufnhamen könnte man ja zumindest den Schein erwecken, in der richtigen Region zu sein. Man hätte ja im Film zumindest behaupten können, man sei im Pfälzerwald ...

(Bei der Gelegenheit: Becker spricht ja auch ein astreines Kurpfälzisch (Heidelbergerisch). Das find ich aber nicht ganz so schlimm, da die Verwandtschaft zum echten Pfälzisch recht nah ist.)
LuigiLuigi
Beiträge: 9
Registriert: Mi 23. Dez 2015, 19:52

Re: 1050: Waldlust

Beitragvon LuigiLuigi » Do 8. Mär 2018, 09:02

Frau Vosen hat geschrieben:Auch die Hotelgeschichte (ich glaube das war das erste Film mit Frau Stern) war in Baden-Baden. Und wenn mal wirklich Ludwigshafen zu sehen ist (da gibts natürlich auch nicht wirklich viel zu sehen), dann ist es meist von Mannheim aus gefilmt. In Köln wird ja auch gerne von der anderen Rheinseite gedreht, da ist es aber die gleiche Stadt und das gleiche Bundesland.

Ich finde das unglaublich ignorant. Bei Innenaufnahmen ist es mir ja egal, wenn es praktikabler ist, wo anders zu drehen. Aber zumindest bei Außenaufnhamen könnte man ja zumindest den Schein erwecken, in der richtigen Region zu sein. Man hätte ja im Film zumindest behaupten können, man sei im Pfälzerwald ...

Der erste Tatort, bei dem Johanna Stern dabei war, war "Blackout", nicht der Tatort "Roomservice", den du vermutlich meinst, letzterer wurde u.a. im Hotel Bühlerhöhe (an der Schwarzwaldhochstraße) gedreht. Natürlich lache ich auch, wenn bei Verfolgungsszenen in LU Lena und Andi eine Straße herunter rennen, denn in LU kann man keine Straße herunter rennen. Seit einiger Zeit hatte ich dennoch den Eindruck, dass man zumindest versucht, wieder etwas mehr LU zu zeigen, inbesondere beim Tatort mit Jürgen Vogel war die Stadt ja sehr präsent (z.B. die inzwischen abgerissenen Tortenschachtel am Berliner Platz). Aber das ist ja immer auch eine Frage der Produktionskosten, denn wenn in Fahrnähe zu Baden-Baden gedreht werden kann, wo zumindest viele der häufig eingesetzten SWR-Mitarbeiter wohnen, entfallen Übernachtungskosten. Und in LU gibt es viel zu sehen, auch außerhalb des Klischees Industriestadt, übrigens nervt mich das LU-Bashing zunehmend! Ja, ich wohne freiwillig in LU! ;)
Connortobi
Beiträge: 25
Registriert: Mo 28. Dez 2015, 07:12

Re: 1050: Waldlust

Beitragvon Connortobi » Do 8. Mär 2018, 17:13

Purzelito hat geschrieben:
Sonderlink hat geschrieben:Aber ich guck´den Zweiteiler auf jeden Fall.
Zeitkolorit, Zeitgeschichte. Und klar, auch die unrühmliche Rolle der Medien wird thematisiert. Aber die Geiselnehmer werden doch nicht "geehrt", was ist das für ein Unfug. Bei jedem neuen RAF-Film wird Terroristen doch auch wieder Aufmerksamkeit zuteil. Vor kurzem wurde der NSU-Dreiteiler auf mehreren Dritten wiederholt, also, was soll´s.

Zeitkolorit ja, aber Zeitgeschichte? Ist jedes Kapitalverbrechen Zeitgeschichte? RAF und NSU waren und sind ganz andere Dimensionen, weil der Staat und die Geheimdienste in einer Weise involviert waren, die unbedingt einer Aufklärung bedurften. Diese Aufklärung in Form von TV-Sendungen ist ok. Aber diese beiden Gernegrosse aus Gladbeck fallen in die unterste Kategorie. Ich würde den Zweiteiler begrüssen, wenn er sich ausschliesslich mit der Rolle der Medien auseinandersetzen würde. Tut er aber nicht. Er erzählt die Story aus der Perspektive der Opfer so wie ich gelesen habe. Man schlachtet von seiten der Medien also wieder den Fall aus, genau wie damals. Das ist das Verwerfliche daran.


Scheint eher die Perspektive der (überforderten) Polizei zu sein, die sich zu sehr hinter Hierarchien verschanzt. Da anscheinend sehr eng an Protokollen gearbeitet wurde, sind Dialoge und Szenen wohl ziemlich realistisch geworden. Die Journalisten werden dementsprechend erst im zweiten teil stärker in den Mittelpunkt gerückt, der erste Teil war für mich überraschend gut bzw. beklemmend. Allerdings habe ich stellenweise (wie bei manchen Tatorten auch) akustisch nicht alles mitbekommen, da die Hintergrundgeräusche dominierten.
Rösner und Degowski stehen zumindest nicht so sehr im Fokus, die Opfer werden bisher auch nicht zu sehr in Großaufnahmen vorgeführt. -der zweite Teil ist hoffentlich so sehenswert wie der erste...
Frau Vosen
Beiträge: 82
Registriert: So 8. Jan 2012, 21:44

Re: 1050: Waldlust

Beitragvon Frau Vosen » Do 8. Mär 2018, 17:27

Der erste Tatort, bei dem Johanna Stern dabei war, war "Blackout", nicht der Tatort "Roomservice", den du vermutlich meinst, letzterer wurde u.a. im Hotel Bühlerhöhe (an der Schwarzwaldhochstraße) gedreht.

Danke, wusste ich nicht mehr.

Seit einiger Zeit hatte ich dennoch den Eindruck, dass man zumindest versucht, wieder etwas mehr LU zu zeigen, inbesondere beim Tatort mit Jürgen Vogel war die Stadt ja sehr präsent (z.B. die inzwischen abgerissenen Tortenschachtel am Berliner Platz).
Stimmt, hatte ich auch. Auch der erwähnte Pfälzerwald-Tatort hat mir gut gefallen.

Aber das ist ja immer auch eine Frage der Produktionskosten, denn wenn in Fahrnähe zu Baden-Baden gedreht werden kann, wo zumindest viele der häufig eingesetzten SWR-Mitarbeiter wohnen, entfallen Übernachtungskosten.
Das sehe ich ja zum Teil ein. Bei Innenaufnahmen habe ich auch nichts dagegen. Aber so offensichtlich wie dieses mal und auch beim erwähnten Room-Service, das finde ich einfach ärgerlich. Es ist halt ein Ludwigshafen- und kein Baden-Baden-Tatort, zumal das ja auch bei den Polizeizuständigkeiten besonders absurd ist, wenn man dauernd im falschen Bundesland ist. Von mir aus hätte man ja notfalls auch den Schwarzwald zum Pfälzer Wald erklären können. Aber so hat man den Eindruck, es ist den Verantwortlichen völlig gleichgültig und es wird in einem fiktiven SWR-Land ermittelt.


Und in LU gibt es viel zu sehen, auch außerhalb des Klischees Industriestadt, übrigens nervt mich das LU-Bashing zunehmend! Ja, ich wohne freiwillig in LU! ;)
Ich hatte früher auch Verwandte in Ludwigshafen, zum Shoppen sind wir dann aber irgendwie meistens eher nach Mannheim gegangen, von dem ich daher ein wesentlich besseres Bild habe (obwohl ja auch Mannheim nicht gerade eine Schönheit ist.) Von daher pflege ich meine Vorurteile vielleicht zu gerne.
Benutzeravatar
Wachtmeister
Beiträge: 434
Registriert: Di 27. Sep 2011, 00:30

Re: 1050: Waldlust

Beitragvon Wachtmeister » Mo 12. Mär 2018, 00:20

Bei einem Nicht-Improvisationstatort aus Ludwigshafen wäre mir mit Sicherheit nach wenigen Minuten das Aufsagen der Texte mit unpassender Satzmelodie, m. a. W. die üble Nachsynchronisierung aufgefallen. Und selbst wenn die noch erträglich gewesen wäre, hätten mir gestelzte Dialog den letzten Nerv geraubt.

Ich hatte mich vorher nicht informiert, ob ein Experimental-Tatort "droht". Im Nachhinein weiß ich, warum mich auf diese Folge einlassen konnte. Die Dialoge wirkten frisch. Es gibt in diesmal nicht diese unerträglichen Ermittlergespräche in langen Fluren oder auf dem Weg zum Parkplatz, mit denen den dummen Zuschauern alles noch einmal erklärt wird oder in denen das erzählt wird, was in einem guten Film gezeigt würde.
Mir gefiel schon Babbeldasch besser als viele andere Ludwigshafener Tatorte. Ansonsten haben die beiden Ranisch-Folgen nicht viel gemein.

Allein schon deshalb würde ich solche Improvisationsfilme Standardinszenierungen vorziehen.

Der Plot dieser Folge ist überhaupt nicht experimentell. Daß der eine oder andere bekannte Film zitiert wird, ist als solches eine Freude für Cineasten, aber in diesem Tatort sind es Verweise auf Bewährtes und zugleich Hinweise darauf, daß es ein Film ist. Das Setting, in dem die Ermittlerinnen mit KTU-Mann und Sekretärin in einem einsamen Hotel mit einem Verbrechen konfrontiert werden, ist sowohl konstruiert als auch der Rückgriff auf zahlreiche ähnliche Arrangements in Kriminalfilmen. Ein psychologisch auffälliges Personal kennt man ebenfalls aus zahlreichen Filmen.
Wenn so etwas in Hollywood produziert wird, ist die Begeisterung groß, bei einer Produktion aus Baden-Baden gibt es große Bedenken.
Es wird bei Waldlust ziemlich schnell klar, daß es eine Krimi-Groteske ist. Das ist wiederum kein Experiment, sondern ein Genre, und hat nichts direkt mit der Dialogimprovisation zu tun. Die Improvisation läßt aber das Groteske schroffer wirken.

Der Klage, der Film hätte im Pfälzer Wald spielen müssen, kann ich nicht beistimmen. Man hätte da drehen können, wo man gedreht hat, und behaupten können, es sei der Pfälzer Wald. Lokalkolorit hätte das nicht gebracht. Die Handlung wäre nicht anders gewesen. Aber der Eindruck der Abgeschiedenheit und großen Entfernung von LU wäre deutlich blasser ausgefallen.

Eine geschickte und originelle Lösung wurde damit gefunden, daß man Verhör und Handlung ineinander geschnitten hat. Als Zuschauer führte einen das auf eine falsche Fährte. Zugleich wurde dieses fiktive Setting im dunklen Wald in die (anders fiktive) Tatort-Realität geholt.

Waldlust ist ein unterhaltsamer Film. Der Realitätsbezug ist deutlich geringer als der Bezug zur Filmgeschichte. Dadurch hat er weniger Belang, was aber der Unterhaltung keinen Abbruch tut.

P.S.:
Dieses permanente Wiederholen des Adenauer-Mantras "Keine Experimente!" wirkt auf mich immer befremdlicher. Den einfältigen Geist mit einem einzigen Programm in Schwarz-Weiß der Adenauer-Zeit will ich jedenfalls nicht wieder haben. Damals hatte man im Fernsehen kein Alternativprogramm. Wenn überhaupt, war da "Zwang". Ich wehre mich gegen die Dreistigkeit, mit der manche Menschen oder Automaten in Diskussionsforen ihre politische Programmatik oder Propaganda gegen beitragsfinanzierten Rundfunk verbreiten. Da muß ein Film, auf den nicht inhaltlich Bezug genommen wird, der dem Autor oder Automaten angeblich nicht gefällt, dafür herhalten, die Abschaffung der öffentlichen Filmförderung zu fordern. Daß der betreffende Film anderen vielleicht gefallen könnte, paßt nicht in dieses Raster. Während ich einen beitragsfinanzierten Film ansehe, der mir gefällt, laufen gleichzeitig auf zehn bis fünfzehn öffentlich-rechtlichen Sendern beitragsfinanzierte Programme, von denen das meiste für mich ohne Interesse ist. Das bietet mir aber keinen Anlaß, auf die "Zwangsgebühren" zu schimpfen. Ich schaue mir bestimmte Tatort-Teams nicht mehr an, weil sie mich langweilen oder weil ich sie für dienstuntauglich halte. Andern gefallen sie. Mit den Rundfunkbeiträgen wird eine Auswahl für verschiedene Geschmäcker ermöglicht. Und das ist gut so.

Zurück zu „Die Folgen“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste