1031: Der rote Schatten

Alles rund um die einzelnen Tatort-Folgen
(Tat)ortimOsten
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1031: Der rote Schatten

Beitragvon (Tat)ortimOsten » Sa 14. Okt 2017, 08:02

Südwestrundfunk
Stuttgart

Fernsehfilm Deutschland 2017

Erstsendung: 15. Oktober 2017

Figuren:
Thorsten Lannert - Richy Müller
Sebastian Bootz - Felix Klare
Wilhelm Jordan - Hannes Jaenicke
Strobel - Michael Hanemann
Luisa Heider Leonie Nonnenmacher
Löffler Joachim Nimtz
Wilhelm (jung) Elias Popp
Astrid (jung) Emma Jane
Emilia Álvarez Carolina Vera
Nika Banovic Mimi Fiedler
Dr. Daniel Vogt Jürgen Hartmann
Christoph Heider Oliver Reinhard
Astrid Frühwein Heike Trinker
Oberstaatsanwalt Lutz Friedrich Mücke

Musik: Sven Rossenbach und Florian van Volxem
Kamera: Hendrik A. Kley und Jakob Beurle
Drehbuch: Raul Grothe und Dominik Graf
Regie: Dominik Graf

Marianne Heider kam angeblich bei einem Badewannenunfall ums Leben. Ihr Exmann Christoph glaubt jedoch, dass sie von ihrem aktuellen Lebensgefährten Wilhelm Jordan ermordet wurde. Christoph Heider wird ertappt, als er den Leichnam aus der Friedhofskapelle entführt, um ihn im Ausland obduzieren zu lassen. Für Thorsten Lannert und Sebastian Bootz sollte das gar kein Fall sein – immerhin hat die Staatsanwaltschaft Marianne Heiders Tod bereits als Unfall zu den Akten gelegt – und Oberstaatsanwalt Lutz weist Emilia Álvarez ausdrücklich an, den Fall nicht wieder aufzurollen.

Doch Thorsten Lannert und Sebastian Bootz finden Heiders Darstellung glaubwürdig genug, um der Sache nachzugehen. Dabei stellen sie fest, dass Wilhelm Jordan in den 70er Jahren als V-Mann für den Verfassungsschutz gegen die RAF eingesetzt war. Ist das der Grund dafür, dass die Kommissare bei den Ermittlungen ständig auf Widerstand aus Polizeibehörde und Staatsanwaltschaft stoßen?

Und ist Wilhelm Jordan überhaupt Wilhelm Jordan? Der Mann hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit einem ehemaligen RAF-Mitglied, das später mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeitete und ausgerechnet über die Frage Aussagen gemacht, wie die Waffen in den Stammheimer Hochsicherheitstrakt kamen, aus denen die tödlichen Schüsse auf Baader und Raspe stammten. Wilhelm Jordan, wer auch immer er sein mag, ist immer wieder wegen diverser Delikte aufgefallen, wurde aber nie bestraft oder auch nur angeklagt. Gemeinsam mit Emilia Álvarez beginnen Thorsten Lannert und Sebastian Bootz sich zu fragen, ob der Zeugenschutz selbst den Mord an Marianne Heider umfassen würde.

In der Nacht zum 18. Oktober 1977, nach Befreiung der Lufthansa-Maschine "Landshut" in Mogadischu und der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, fand der sogenannte Deutsche Herbst seine Zuspitzung in der "Todesnacht von Stammheim", in der Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Gefängniszellen den Tod fanden und Irmgard Möller sich lebensgefährlich verletzte. Diese historische Situation, die sich in diesem Herbst zum 40. Mal jährt, bildet den Hintergrund für Dominik Grafs Stuttgarter "Tatort: Der rote Schatten". Die langen Schatten jener Nacht und des Kampfs gegen den RAF-Terrorismus reichen in dem Tatort bis in die Gegenwart. Genauso wie die ungeklärten Fragen, die damit verbunden sind, zum Beispiel: Wie kamen die Waffen wirklich in den Hochsicherheitstakt des Stammheimer Gefängnisses? Wie weit reicht der Spielraum für den Verfassungsschutz? Warum ist es nicht möglich, die Ereignisse in der Nacht zum 18. Oktober zweifelsfrei zu klären? Dominik Graf beschäftigt sich in seinem ersten Stuttgarter "Tatort" mit diesen Fragen. Vergangenheit und Gegenwart greifen ineinander. Dafür nutzt Dominik Graf historisches Material, das er virtuos mit nachgedrehten Szenen verschränkt.

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Purzelito
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Re: 1031: Der rote Schatten

Beitragvon Purzelito » So 15. Okt 2017, 20:17

Okay, ich gebe zu, dass ich gewaltige Bedenken hatte wegen des Themas RAF, auch wegen der avisierten Machart des Tatorts: Mischung authentischer und fiktiver Szenen, Verschwörungstheorie, nicht zuletzt Meister Dominik Graf samt seiner nicht immer leicht zu ertragenden Handschrift. Damals wie heute bringe ich kein Verständnis für politisch motivierte Gewalt auf, egal, ob diese stumpf oder intellektuell verbrämt daherkommt.

Aus diesen Gründen bin ich nun verblüfft über diesen Tatort. Was sich da bot, war ein grandioser Staatsschutz-Thriller, zu keiner Zeit langatmig, manipulativ, nichts und alles erklärend und doch alle Fragen offen lassend. Das hatte Klasse , ebenso wie die Kamera und der Schnitt, ja sogar das Grafsche Hintergrundgequäke passte dieses Mal dazu. Unglaublich gelungen!

Der Monolog von Lannert im Auto über seine Zeit in der WG und seine damalige Motivation hat mich etwas gestört. Eine zu vereinfachte Sicht auf die Dinge, wie ich finde. Hätte man weglassen können.
siegfried1
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Re: 1031: Der rote Schatten

Beitragvon siegfried1 » So 15. Okt 2017, 20:31

Purzelito hat geschrieben:Okay, ich gebe zu, dass ich gewaltige Bedenken hatte wegen des Themas RAF, auch wegen der avisierten Machart des Tatorts: Mischung authentischer und fiktiver Szenen, Verschwörungstheorie, nicht zuletzt Meister Dominik Graf samt seiner nicht immer leicht zu ertragenden Handschrift. Damals wie heute bringe ich kein Verständnis für politisch motivierte Gewalt auf, egal, ob diese stumpf oder intellektuell verbrämt daherkommt.

Aus diesen Gründen bin ich nun verblüfft über diesen Tatort. Was sich da bot, war ein grandioser Staatsschutz-Thriller, zu keiner Zeit langatmig, manipulativ, nichts und alles erklärend und doch alle Fragen offen lassend. Das hatte Klasse , ebenso wie die Kamera und der Schnitt, ja sogar das Grafsche Hintergrundgequäke passte dieses Mal dazu. Unglaublich gelungen!

Der Monolog von Lannert im Auto über seine Zeit in der WG und seine damalige Motivation hat mich etwas gestört. Eine zu vereinfachte Sicht auf die Dinge, wie ich finde. Hätte man weglassen können.


Hallo Purzelito

Ich gebe Dir recht, es war bis jetzt der beste Tatort von der zweiten Hälfte des Jahres 2017, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. ;)

Meiner Meinung hatte es eine langatmige Szene, als Lannert mit diesem Ex-RAF Mitglied unterhielt, wer nun wem die Waffen in
das Gefängnis Stammheim gebracht hat, und wer wen belauscht hat, mit den Selbstmordabsichten der RAF Mitglieder.
Auch die häufigen Wechsel zwischen jetzt und der Vergangenheit hat mich schon ein wenig irritiert, und fand es ein wenig
mühsam. :?
Weisst Du wer nun schlussendlich den Wilhelm Jordan, über den Jordan geschickt hat. :?:
Er hat sich sehr wahrscheinlich kaum selber umgebracht, denn für das benötigte er nur einen Schuss.
Ich denke es wahr sehr wahrscheinlich der Staatsschutz oder dann doch der Christoph Haider.
Es wäre schön, wenn Du mir bei dieser Gelegenheit weiterhelfen kannst.
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Purzelito
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Re: 1031: Der rote Schatten

Beitragvon Purzelito » So 15. Okt 2017, 20:59

siegfried1 hat geschrieben:Weisst Du wer nun schlussendlich den Wilhelm Jordan, über den Jordan geschickt hat. :?:
Er hat sich sehr wahrscheinlich kaum selber umgebracht, denn für das benötigte er nur einen Schuss.
Ich denke es wahr sehr wahrscheinlich der Staatsschutz oder dann doch der Christoph Haider.
Es wäre schön, wenn Du mir bei dieser Gelegenheit weiterhelfen kannst.

Hallo siegfried, ich sehe da eine bewusste Parallele zu den Stammheim-Insassen. Heider war mit der Waffe aus dem Hamstergrab bei Jordan und wird ihn erschossen haben. Alles unter den Augen des Staatsschutzes. Vielleicht hat dieser sogar mitgeholfen, Jordan zu durchsieben. Mit der Balistik wird es hernach so sein wie mit dem Rotweinglas. Mal sind die Beweise da, mal nicht.
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Sonderlink
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Re: 1031: Der rote Schatten

Beitragvon Sonderlink » So 15. Okt 2017, 21:32

Purzelito hat geschrieben: Heider war mit der Waffe aus dem Hamstergrab bei Jordan und wird ihn erschossen haben.

Da hat euch Meister Dominik Grafs nicht immer leicht zu ertragende Handschrift offenbar ein Aufmerksamkeitsdefizit beschert.
Ob der Staatsschutz letzte Hand anlegte, oder nicht, soll hier genau so offen bleiben, wie die nebulösen Stammheim-Selbstmorde nie ganz geklärt worden sind, stimmt.
Jedenfalls war es nicht Heider, denn der wollte ja seine Tochter vor Strafverfolgung schützen und den „Mord“ auf seine Kappe nehmen. Dabei machte er aber falsche Angaben zum Tathergang. Dass an der Sache etwas faul sein könnte, suggeriert die Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft, bei der behauptet wird, Jordan hätte aus Trauer über den Verlust der langjährigen Gefährtin Selbstmord begangen. Der Zuschauer weiß mehr: Immerhin hat Jordan diese ja selbst ans Messer geliefert.
Der Staatsschutz hätte ein Interesse daran, Jordan zu liquidieren, weil der damit gedroht hatte, auszupacken.

Ob man diese Konstruktion mit dem offenen Ende jetzt gut finden muss, steht auf einem anderen Blatt.
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Re: 1031: Der rote Schatten

Beitragvon Deichgraf » Mo 16. Okt 2017, 11:06

Was denn, so ein guter Tatort, und kaum Posts hier im Forum ?

Das einzige was ich zu bemäkeln habe ist, das " Stau" gefühlt erst Gestern war, den gleichen Bockmist hat man im Herbst 2016 schon einmal gemacht, 2 Stuttgarter Folgen fast hinter einander, die Folge Gestern musste in dieser Zeit gesendet werden, völlig klar, aber dann hätte man Stau vlt. lieber im Januar oder so ausstrahlen sollen.
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Purzelito
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Re: 1031: Der rote Schatten

Beitragvon Purzelito » Mo 16. Okt 2017, 11:31

@Sonderlink, hast Recht, danke. Ja, die Aussage Heiders passte nicht zu den Einschusslöchern Jordans. Bei der Pressekonferenz habe ich schon nicht mehr richtig hingehört, weil ich dachte, ist eh alles gelogen. Zum Glück war der TO da auch schon zu Ende. Ich fand ihn anstrengend.
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Re: 1031: Der rote Schatten

Beitragvon Loreleycamper » Mo 16. Okt 2017, 15:11

Tatorte mit Rückblenden und/oder zeitgeschichtlichen Bezügen finde ich per se reizvoll und die Folge war lange spannend. Was aber noch im „Oiden Depp“ für meinen Geschmack perfekt funktioniert, wird umso schwerer umsetzbar, je dichter man an reale Vorkommnisse und an die Politik kommt. So wenig wie Borowski im „Freien Fall“ die Barschel-Affäre aufklären konnte, so wenig war das für den RAF-Komplex in dieser Folge zu erwarten.
Dennoch irritiert mich, dass im „Roten Schatten“ die These vom Mord an den Stammheim-Insassen so prominenten Platz erhält. Anders konnte ich die Aussage des ehemaligen Polizisten Strobel nicht interpretieren.
Ist diese Ansicht denn jetzt schon "Mainstream" im SWR?
siegfried1
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Re: 1031: Der rote Schatten

Beitragvon siegfried1 » Mo 16. Okt 2017, 15:47

Deichgraf hat geschrieben:Was denn, so ein guter Tatort, und kaum Posts hier im Forum ?

Das einzige was ich zu bemäkeln habe ist, das " Stau" gefühlt erst Gestern war, den gleichen Bockmist hat man im Herbst 2016 schon einmal gemacht, 2 Stuttgarter Folgen fast hinter einander, die Folge Gestern musste in dieser Zeit gesendet werden, völlig klar, aber dann hätte man Stau vlt. lieber im Januar oder so ausstrahlen sollen.


Hallo Deichgraf

Von mir aus hätte man den Tatort: " Stau " auch ganz weglassen können, denn er war in Wirklichkeit kein Tatort sondern
Unfall mit Fahrerflucht und für das braucht man nicht zwei Kripo Beamte. :!: ;)
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Herr_Bu
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Re: 1031: Der rote Schatten

Beitragvon Herr_Bu » Mo 16. Okt 2017, 16:25

Hallo,
die Stuttgarter haben sich 2017 toll gesteigert und kurz hintereinander zwei grandiose Tatorte rausgehauen, mit denen sie jeweils Mut bewiesen haben. "Stau" ist 2017 der von mir mit 8,5/10 am höchsten bewertete, nun folgt "Der rote Schatten" mit 8/10 Punkten an zweiter Stelle. Toll, wenn man weit weg von üblicher Krimidrögheit (in den ersten Minuten ein Mord, danach als Whodunit möglichst viele potentielle Täter vorgestellt) immer wieder eigene Wege der Erzählung und Durchführung geboten bekommt - so soll Tatort sein!
Das Thema bietet sich für Stuttgart durch den Gefängnisort "Stammheim" an, dies wurde mit viel Lokalkolorit eingefangen. Die Handlung war durch Rückblenden so angelegt, dass man konzentriert folgen musste (was aber eine Selbstverständlichkeit sein sollte, da gut gemachte Filme dies immer verdienen :roll: ).
Als Jugendlicher habe ich die Ereignisse um den Deutschen Herbst mitverfolgt und sehe solch einen Tatort sicher mit anderen Augen als Jüngere, für die das bereits lange vergangene deutsche Geschichte ist.
Die Disposition mit der entführten Leiche der Ehefrau fand ich sehr gelungen und hat einen spannungsvoll in die Geschichte gezogen.
Inwieweit der Film wie von Stefan Aust mit dickem Blöd(Zitat Stoever)-Lettern verkündet, eine RAF-Werbung gewesen sein soll, will sich mir nicht ganz erschließen, nur weil alte Verschwörungstheorien um den Selbstmord/Mord der Terroristen wieder ausgegraben wurden?
Insgesamt ein beeindruckender Tatort, an dem man sich ähnlich wie an "Stau" sicher noch länger erinnern wird.
Grüße Herr_Bu
Fabian Hinrichs: „Die Öffentlich-Rechtlichen sollten sich in ihren Programmentscheidungen nach einem anderen, einem wirklichen Qualitätsprinzip richten. Man sollte die Leute zur Mündigkeit erziehen, da bin ich wirklich Adorno-Schüler."

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