287: Die Sache Baryschna

Alles rund um die einzelnen Tatort-Folgen
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Kohli77
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287: Die Sache Baryschna

Beitragvon Kohli77 » Do 16. Aug 2012, 21:53

287. tatort-Folge: Die Sache Baryschna

Drehbuch: Andreas Pflüger
Regie: Matti Geschonneck
Erstsendung: 6.2.1994
Produktionssender: Sender Freies Berlin


Inhalt:
Eine Gruppe ausländischer Flüchtlinge wird von einer internationalen Schlepper-Organisation in einem Lkw-Container über Prag durch Deutschland mit dem Ziel Skandinavien transportiert. Dabei kommt es wegen eines Motorschadens zu einem unvorhergesehenen Zwischenaufenthalt in Berlin. Sauerstoffmangel im engen Container verursacht im Moment des Umladens der menschlichen Fracht eine panikhafte Flucht der Gruppe, zwei Leichen und ein unter Schock stehendes Mädchen bleiben zurück.

Kommissar Franz Markowitz versucht, sowohl den Mördern des toten Flüchtlingsehepaares als auch den Hintermännern der Schlepper-Organisation auf die Spur zu kommen. Seine einzige Zeugin ist das Mädchen Sanieba, die Tochter der Toten. Sanieba aber schweigt, weil sie glaubt, nach ihrer Aussage abgeschoben zu werden. Deshalb versucht sie, der Polizei zu entkommen, einen Kontakt zu den Berliner Hintermännern der Organisation zu finden und mit ihrer Hilfe ins Ausland zu gelangen. Ihre Naivität bringt sie in große Gefahr, verhilft aber auch dem Kommissar zum Fahndungserfolg: Sanieba führt ihn, ohne es zu wissen, zu den Mördern ihrer Eltern.
(Quelle: Fundus)


Nachdem die Folge gestern im WDR wiederholt wurde, konnte ich sie mir endlich ansehen. Wertung folgt.
Es grüßt
- Der Kohli -

Meine 500. Tatort-Wertung: "148: Peggy hat Angst" mit Kriminalhauptkommissarin Hanne Wiegand.
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Kohli77
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Re: 287: Die Sache Baryschna

Beitragvon Kohli77 » So 19. Aug 2012, 21:14

Mir hat diese Folge gut gefallen. Es handelt sich um den ersten Markowitz-Tatort, den ich sehe und werte. Das Team Markowitz/Pohl gefällt mir auf Anhieb.

Ich war zunächst etwas erstaunt, als ich das Datum der Erstsendung sah: 1994. Irgendwie hätte ich die Folge eher in die 1980er Jahren eingeordnet, was sicherlich auch an den sehr gut spielenden Kommissaren liegt. Wohltuend war, dass als einziges Nebenthema die Müdigkeit kam - was nicht so verkrampft wirkte wie die in neueren Tatortfolgen eingeflochtenen privaten Wehwehchen oder Affären.

Das Flüchtlingsschicksal wurde gut und bestürzend thematisiert. Die schweigende Flüchtlingsfrau hat etwas genervt und trotz des erwähnten vorherigen Aufenthalts in Deutschland sprach sie dann für mein Befinden ein zu perfektes Deutsch.

Leider war es von Anfang an zu offensichtlich, wer die bösen Buben waren. Die (unabsichtige) Weitergabe von Informationen an den (für den Zuschauer) verdächtigen Bösewicht durch den Ermittler war eine nette Variante, die aber dann doch etwas übertrieben wurde.

Fazit: Trotz der genannten Schwächen vergebe ich 8 Punkte.

(Übrigens: Das wiederholte väterliche Trösten des Mädels durch den Kommissar ist mir noch aufgefallen. Das wäre vermutlich zehn Jahre später so nicht mehr möglich gewesen. Heutzutage hätte sich der Kommissar hier wohl zurückhalten müssen, um nicht als Grapscher o.ä. dazustehen.)
Es grüßt
- Der Kohli -

Meine 500. Tatort-Wertung: "148: Peggy hat Angst" mit Kriminalhauptkommissarin Hanne Wiegand.
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Neudinho
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Re: 287: Die Sache Baryschna

Beitragvon Neudinho » Fr 31. Aug 2012, 12:23

Franz Markowitz gehört zu meinen Lieblingsermittlern. Die zurückhaltende, dennoch präsente Art, mit der ihn Günter Lamprecht verkörperte, finde ich hervorragend. In diesen Tatorten versuchte nicht jemand, auf Biegen und Brechen einen Typ darzustellen, sondern war einer.
Dazu kommt noch die Kulisse der Hauptstadt nach dem Mauerfall. Angesichts der Flops davor und danach und den damit verbundenen Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit, reibe ich mir verwundert die Augen, daß der SFB damals den Mut hatte, Lamprecht zu engagieren. Aber er ging er auch im Streit...

Trotz des arg rührseligen Endes überzeugen mich die Geschichte und ihre Protagonisten. Die teilweise traurigen Bilder sprechen für sich, ohne daß sie dem Zuschauer mit hölzernen Dialoge noch erklärt werden. Michael Degen als scheinbar ahnungsloser Reiseunternehmer spielt ebenso gut wie Idil Üner als Sanieba.
Die dezente und dosiert eingesetzte Musik rundet den Film ab.
(8/10)
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Re: 287: Die Sache Baryschna

Beitragvon Tatort_Celerina » Do 11. Okt 2012, 12:04

Gestern gesehen und - wie jeder Markowitz - ein Highlight! Keinem anderen Schauspieler kaufe ich die gespielten Gefühle so ab, wie ihm. Es geht ihm ans Herz - und das so glaubhaft, wie sonst keinem anderen Ermittler! Diese melancholische Stimmung, diese Hinterhofatmosphäre, das Elend und das Schlechte der Welt - auf der anderen Seite das Gute im Menschen (Markowitz), der am Elend verzweifelt, aber dennoch nicht aufgibt, an das Gute zu glauben. Dazu die Ruhe des Spiels von Günter Lamprecht. Mit Franz Markowitz und seinen Tatort-Folgen wurden Meisterwerke geschaffen! Echte Perlen!
Mein 968. Tatort:
Tatort Berlin
Dein Name sei Harbinger
mit Kommissarin Rubin und Kommissar Karow
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Re: 287: Die Sache Baryschna

Beitragvon Bulldogge » Di 20. Jan 2015, 08:36

Nachdem diese Folge gestern Abend wiederholt wurde, konnte ich somit auch meinen ersten Markowitz-Tatort sehen. Die Figur des Kommissars mit der Berliner Schnauze hat mir gut gefallen. Den Fall selbst fand ich aber eher langweilig und kann deshalb nur 4,5 Punkte vergeben.

Vielleicht gibt es noch bessere Tatort-Folgen mit Markowitz.
Elder Statesman
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Re: 287: Die Sache Baryschna

Beitragvon Elder Statesman » Di 20. Jan 2015, 21:48

Vielleicht nicht der beste Marko, aber da klage ich auf hohem Niveau. Atmosphärisch dicht, berührend und engagiert, dazu mit einem tollen Lamprecht. Auch Rückblickend ist diese Phase des Berlin-Tatorts ein Genuss. Kaum zu fassen, dass vorher und nachher mit Bülow bzw. Roiter solch unglaubliche Gurken produziert wurden in Berlin.
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Re: 287: Die Sache Baryschna

Beitragvon Floyd Pink » Mi 21. Jan 2015, 15:17

Ja, die Atmosphäre von Berlin kurz nach der Wende, diese spürbare Melancholie, die Unsicherheit gegenüber den "neuen Zeiten" kam immer hervorragend rüber und spiegelte sich auch in den Soundtracks wider. Auch wenn die Fälle selbst nicht immer prickelnd waren, fand ich Markowitz auch immer ziemlich gelungen.
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Re: 287: Die Sache Baryschna

Beitragvon Chefermittler » So 25. Jan 2015, 22:17

Ich fand diese Folge genauso gut wie die anderen Folgen mit Günter Lamprecht. Markowitz ist ja auch eine Erfindung von Lamprecht gewesen. Es lief vor den Tatorten auch ein eigenständiger Markowitz-Film in der ARD. Danach kam Markowitz auch auf die Bühne. Da hatte der SFB damals eine gute Idee gehabt. :D :D
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Re: 287: Die Sache Baryschna

Beitragvon Estland-Ute » Mo 26. Jan 2015, 08:52

Chefermittler hat geschrieben:Ich fand diese Folge genauso gut wie die anderen Folgen mit Günter Lamprecht. Markowitz ist ja auch eine Erfindung von Lamprecht gewesen.


Meine Güte, was habe ich da bisher verpaßt!!! Ich muß wohl konkret nach Markowitz-Tatorten Ausschau halten! Gestern Blutwurstwalzer (ohne daß ich hier das Thema wechseln möchte) - ein Genuß!
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Re: 287: Die Sache Baryschna

Beitragvon Wachtmeister » Mo 2. Okt 2017, 22:16

Ein Howcatchem – und dann doch nicht. Der große Fisch, der einem beliebten Klischee entsprechend entkommt – hier wird er gefaßt.
Es ist ein bißchen zu schön, um wahr zu sein, daß am Ende
Spoiler :
Sanieba sich besinnt, die Ausreise bleiben läßt und so Bütow ans Messer liefen kann.
Das hat etwas Märchenhaftes.

Häufig gibt es geschickte Perspektivwechsel: Statt daß man weiß, was Markowitz vor hat, wird man damit überrascht, daß sich eine vermeintliche Pannne als Teil eines Planes herausstellt. Markowitz und seine Kollegen können bspw. das Mädchen verfolgen, als es die Laube heimlich verlassen hat. Stark an dieser Szene ist zudem, daß jedes unnötige Quasseln unterlassen wird. Die ruhige Jazz-Musik bildet einen Kontrast zur Aufgeregtheit Saniebas.
Man hat mal die Ermittler, mal Sanieba, mal die Schlepper im Blick. Aber der Autor hat einen nicht in die Rolle eines allwissenden Zuschauers versetzt. Man kann die Handlungen der Personen beobachten, aber man weiß zunächst nicht, warum sie so handeln. Das wird dann gezeigt. So wird man bei der Stange gehalten.

Im Unterschied zu früheren Markowitz-Filmen haben hier die Kollegen auch etwas zu tun, besonders Beate. Die Rolle von Markowitz wird dadurch verändert. Die Erzählweise nähert sich dadurch neueren Formen an.
Von Markowitz bzw. Lamprecht wird aus diesem Film eines in Erinnerung bleiben: der ungeheuer müde, schläfrige Gesichtsausdruck zu Anfang.
Bei den Episodendarstellern gibt es keine Ausfälle. Auffällig sind Michael Degen und Idil Üner. Degen gelingt es,
Spoiler :
seine doppelbödige Rolle so zu spielen, daß Bütow sich nicht zu früh verrät und sich schließlich als "Schwein" (Markowitz) entlarvt.
Bei Üner fällt zwar unangenehm auf, daß sie die Texte des Mädchens in akzentfreiem Hochdeutsch spricht, was unwahrscheinlich ist, aber dann besticht doch das Spiel, das innere Konflikte erahnen läßt. Durch die Verkleidung am Ende wird verdeutlicht, daß die Fortsetzung der Flucht für sie eine Selbstentfremdung und einen Verrat an ihren ermordeten Eltern bedeuten würde

Berlin ist deutlich erkennbar und nicht willkürlich der Ort der Handlung. Die Stadt liegt an der Route der Flüchtlinge von Tschechien nach Schweden. Neben bekannten Plätzen wie Brandenburger Tor und Charité gibt es zumindest für diese Zeit Typisches zu sehen: eine Industriebrache zu Anfang und ein Kneipe, in der Arbeiter ihre Frühstückspause abhalten.
1993 ist immer noch die handylose Zeit. Die Schlepperkriminalität ist aber längst mit aller Brutalität in vollem Gange. Daran ein knappes Vierteljahrhundert später erinnert zu werden, korrigiert vielleicht bei manchen das Bild von der guten alten Zeit.

Es gibt auch ein paar amüsante Szenen, z. B. die: Markowitz, der sich das Rauchen abgewöhnt, sackt im Wartezimmer von Bütow Süßigkeiten ein.

Die Restaurierung der alten Folgen hat sich gelohnt. Sie verdienen mehr Beachtung und sollten deshalb auch im Ersten gezeigt werden. Interessant sind sie nicht nur, weil sie alte Zeiten widerspiegeln, sondern weil sie andere Erzählweisen zeigen. Relativ häufig sind es Howcatchem-Filme. Oft arbeitet die Mordkommission mit anderen Abteilungen der Polizei zusammen. Die Tat muß nicht vor dem Beginn des Films geschehen. Die Leiche muß nicht spätestens nach fünf Minuten präsentiert werden. Es gibt etliche Möglichkeiten, interessante Plots zu entwerfen, ohne daß dadurch die Personen langweilig würden.
Man konnte in dieser Retrospektive sehen, daß es einerseits Gemeinsamkeiten zwischen den Folgen gibt, einen Stil des Senders über etliche Jahre. Aber ein Grundmuster, an dem man einen Tatort erkennen könnte, gibt es nicht.

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