836: Es ist böse

Alles rund um die einzelnen Tatort-Folgen
chris66at
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Re: 836: Es ist böse

Beitragvon chris66at » Mo 23. Apr 2012, 09:55

zum outfit von conny mey: ich finde es absolut in ordnung, das eine ermittlerin in bekleidungsfragen "schlechten geschmack" beweisen darf - denn das ist IHR schlechter geschmack (ich vermute mal - das das natürlich volle absicht der tatörtler in hessen war - gut so)

und so stell ich mir den grauenhaftesten tatort aller zeiten vor: man befrage alle teilnehmer dieses forums (inkl mir natürlich) und setze diese ideen in einen tatort um.....

ich werd auch den verdacht nicht los, dass sich manche hier besonders gut unterhalten, wenn sie sich schlecht unterhalten gefühlt haben

es menschelt halt - und das ist gut so
Eraser
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Re: 836: Es ist böse

Beitragvon Eraser » Mo 23. Apr 2012, 10:01

heletz hat geschrieben:...

Das war jedenfalls der schlechteste tatort seit langem!

Vielleicht ist es einfach zuviel, fast jeden Sonntag einen neuen zu bringen?
Vielleicht sollte man zukünftig auf einmal pro Monat reduzieren?
Damit man sich wieder drauf freuen kann?


Wenn du es schaffen würdest, deine Bewertung auf einmal pro Tatort zu begrenzen...
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Heinz
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Re: 836: Es ist böse

Beitragvon Heinz » Mo 23. Apr 2012, 11:07

Ab und zu läuft am Sonntag Abend ein Film, nach dessen Sehen ich wieder weiß, warum ich TATORT-Fan bin. Gestern abend war es wieder soweit. Der HR untermauert mit den Steier/Mey-Folgen seinen Führungsanspruch in der Reihe. Großartig. Es passte alles: Story, Schauspieler, Kamera.

Das hohe Niveau der Dellwo-Folgen konnte problemlos gehalten werden. Ich bin immer noch schwer begeistert.

Ich hatte größte Befürchtungen, dass Król sich nicht zurücknehmen kann und alle anderen an die Wand drückt. Aber das Gegenteil ist der Fall: Er nimmt sich immer mehr zurück, agiert fast beiläufig und in jeder Folge wird eine weitere kleine Facette seiner Persönlichkeit sichtbar. Sehr schön. der frisierende Freund ist übrigens ein kongenialer Einbau einer anderen Geschichte aus dem Petermann-Buch.

Und Conny Mey ist einfach eine Wucht: Ihr Stil muss mir ja nicht gefallen, aber hier sieht man sich als männlicher Zuschauer immer haarscharf an der Grenze zur Vorurteilsfindung. Letztlich hat sie ihre Haltung dem Chef gegenüber klipp und klar dargelegt: Sie ist KHK, weil sie das so gut kann. Da sollte das Äußere völlig wurscht sein. Ist es aber augenscheinlich doch nicht: Nicht bei Kollegen, nicht bei Tatverdächtigen, nicht bei Zuschauern, die allesamt ständig veruchen, über Look und Körperbau auf die Persönlichkeit zu schließen. Conny steht einfach drüber. Sie ist die emanzipierteste Kommissarin, die man derzeit im deutschen Fernsehen sehen kann.

Dass Seidel mitermittelt, ist auch genial gelöst: Hier wird der Handlungsverlauf der ersten Folge aufgegriffen (Kontinuität über Folgen hinweg, das finden wir TATORT-Fans doch immer gut...), gleichzeitig wird einem wirklichen Unsympathen eine zweite Chance gegeben. Wie im richtigen Leben. Peter Kurth spielt diesen zwielichtigen Typen genau richtig, mit einer Mischung aus Überheblichkeit, Sexismus und zielorientierter Arbeitshaltung.

Was ist eigentlich aus Klawitters Psychologe geworden? Mal sehen, ob der in den nächsten Folgen wieder auftaucht. Und der von Gerd Wameling gespielte Chef hat nun schon seit drei Folgen keinen Namen. Da scheint die Steigerung des Falles "Kain" auf uns zu zu kommen.

Erwähnte ich bereits, dass ich begeistert bin? (Falls ja, sei es mir verziehen, wenn ich das mehrfach in einem Beitrag durchscheinen lasse. Andere brauchen dafür mehrere Beiträge.)

9,5 Punkte.

Und die Vorfreude auf die nächsten beiden Wochenenden ist riesig: Erst von Meuffels, dann Batu. Was will man mehr?
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Re: 836: Es ist böse

Beitragvon Sigi » Mo 23. Apr 2012, 11:40

Heinz hat geschrieben:[...] Und der von Gerd Wameling gespielte Chef hat nun schon seit drei Folgen keinen Namen. Da scheint die Steigerung des Falles "Kain" auf uns zu zu kommen. [...]

Kressins Vorgesetzter, der Zollrat (gespielt von Hermann Lenschau), hatte meines Wissens auch keinen Vornamen.
Es grüßt

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Re: 836: Es ist böse

Beitragvon Honzina » Mo 23. Apr 2012, 12:42

Ich sage mal: einerseits so, andererseits so..." ;)

Das Postive: das Frankfurter Team finde ich spitzenmaessig. Zwar teile ich Connys Geschmack nicht wirklich, aber sie spielt ueberzeugend, kommt gut und stark rueber, und sie ist, wie hier schon geschrieben, wirklich emanzipiert im wahren, positiven Sinn. Krol spielt ebenfalls gut, und mir gefaellt es auch, dass es mit diesem schmierigen anderen Kommisar einen zusaetzlichen Reibungspunkt gibt.

Das Negative: der Fall war mir letztlich irgendwie zu - mir faellt kein besseres Wort ein, obwohl es das nicht ganz trifft - langweilig. Ja, vordergruendig "hatte" er was: Psycho-Taeter, Ermittlung im "Milieu", auf einer wahren Geschichte beruhend. Aber eigentlich steckte nicht viel dahinter. Es wurde zwar allerlei anerzaehlt: die persoenliche Betroffenheit der Kommisarin, das zerstoerte Leben des unschuldig Verdachtigten (gleich doppelt erzaehlt durch den Ehemann und den "Mitbewohner" des Kommisars), das Trauma des Taeters, die ungesunde Fixierung des Polizeit-Reporters etc.. aber alles blieb nur angerissen und hat mich einfach wenig beruehrt. Die Aesthetik lag mir auch gar nicht. Die Bilder Frankfurts waren beeindruckend, aber die Spielereien mit den Rueckblenden und der Ueberblendung des Lichts trugen fuer mich wenig zur Atmosphaere bei, sondern wirkten aufgesetzt und ueberambitioniert. Und Spannung kam eigentlich keine auf. Die Frage, ob sie ihn denn nun kriegen, stellte sich fuer mich nicht (war klar), das Wie war auch nicht so ein Knaller, dass es irgendwie groessere Ueberraschung gewesen waere. Die Szene in der Klinik am Ende hat mich wirklich aufgeregt, obwohl ich eigentlich kein Plausibilitaets-Fanatiker bin. Aber so ein krasser Bruch des Vetrauensverhaeltnisses zwischen Aerztin und Patient war mir dann doch zu viel.

Fazit: Gerne mehr vom Team, bei den Faellen waere weniger Ambition vielleicht mehr Spannung.

P.S. Ich interpretiere den Kommisar nicht als schwul. Mmn. wurde bewusst mit dieser Idee gespielt, sie aber eben nicht bestaetigt.
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Re: 836: Es ist böse

Beitragvon Heinz » Mo 23. Apr 2012, 12:43

Sigi hat geschrieben:Kressins Vorgesetzter, der Zollrat (gespielt von Hermann Lenschau), hatte meines Wissens auch keinen Vornamen.

...und auch keinen Familiennamen, oder? Vornamenlose Ermittler gab es doch so einige, wenn auch meist aus der zweiten Reihe. Und wie lautet nochmal der Vorname von Schäfermann?
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Re: 836: Es ist böse

Beitragvon muenchnerkindl » Mo 23. Apr 2012, 12:47

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Re: 836: Es ist böse

Beitragvon Wachtmeister » Mo 23. Apr 2012, 16:36

Ein packender Tatort. Mittendrin war man vielleicht etwas desorientiert. Aber wozu gibt es Ermittler?

Es war durch und durch ein Kriminalfilm. Die Morde dienten nicht als Vorwand für irgendwelche Botschaften oder dramaturgische Spielereien. Es gab keine ausufernden Szenen vom Privatleben der Ermittler, auf daß man sehe, daß solche Leute auch Menschen sind. Der Plot wurde von diesen Dingen weitgehend frei gehalten. Die Figurenentwicklung wird offenbar über die Mey-Steier-Serie gestreckt, was eine gute Lösung ist.
Das Buch hat in dieser Folge Hauptkommissarin Mey in den Vordergrund gesetzt. Das ist für die Frankfurter Teilserie sicher von Vorteil, weil die Figuren nicht in enge Schablonen gepreßt werden, und damit für die Zuschauer interessanter.
Die beiden haben wie in ihrem letzten Fall die Tat nachgespielt, um in der Handlung die Motivation des Täters zu erkennen. Das wird wohl zu Markenzeichen der Frankfurter werden – ein Gutes, denn es wird eine Ermittlungsmethode gezeigt.
Die Umsetzung des Profilings in Dialogtext wirkt allerdings noch etwas hölzern. Im einzelnen war das Herumreiten auf dem Begriff „Fetisch“ unpassend, denn die Folie hatte nichts mit Sexualpraktiken zu tun, sondern mit der Vermeidung von Spuren.
Relative spät, aber geschickt wurde der Täter, genauer: sein Gesicht eingeführt. Es war einem zwar bald klar: der war’s – aber dann mußte man sich fragen, wie er zu überführen sei. Es war die kriminalistische Pointe des Falles, daß die DNA-Spuren zwar nicht ganz unwesentlich für die Aufklärung waren, aber eben nicht den Täter überführten. Dieses Mittel droht ja in Krimis und der wirklichen Welt zum Universalindiz zu werden. Hier waren ein Knöllchen und ein kleiner Folienfetzen wichtiger. Ob es in dem realen Fall, der dem Buch zugrunde lag, auch den Selbstmordversuch und die Einweisung in eine psychiatrische Klinik gegeben hat, weiß ich nicht. Ohne die Ansage im Vorspann hätte man diese Lösung nicht akzeptiert. So war sie einfach ungewöhnlich.

Als Nebenhandlung die KHK Mey nicht im Privatleben, sondern im Beruf zu zeigen, im Bereitschaftsdienst, war eine Abwechslung zu anderen Folgen, die den Vorteil hatte einen Kontrast zur krimiüblichen Überbetonung der Mordkommissionen zu liefern. Zugleich wurde für die Serie ein weiterer Hinweis geliefert, daß einen besonderen Ehrgeiz in Fällen von Gewalt gegen Frauen hat. Mey hatte nach der Entlarvung des sadistischen Anwalts wieder den Willen, an ihrer früheren Stelle weiterzuarbeiten. Und die Politessen vom Ordnungsamt, die man im Hintergrund sah, brachten sie auf die Idee, nach Strafzetteln im Umkreis der Tatorte zu suchen.

Unter den Schauspielern gab es keine Ausfälle.
Daß der Wameling-Chef im Frankfurter Tatort aussieht wie der Oberphilosoph der Frankfurter Schule, nämlich Adorno http://www.abolitionist.com/theodor-adorno.jpg, irritiert etwas, kann aber als Lokalkolorit durchgehen. Erfreulicherweise ist die Figur nicht als eine dieser üblichen Chef-Deppen angelegt und wird auch nicht so gespielt.
Kurth-Seidel hatte eine klare dramaturgische Funktion, nämlich eine moralisch ambivalente Person unter den Ermittlern zu haben. Im Fall sollte er die Verbindung zu dem überspannten Journalisten herstellen. Das war gut gespielt, aber wirkte zu absichtsvoll ins Buch eingebaut.

Król-Steier spielte hinter Kunzendorf-Mey die zweite Geige. Das war eine interessante Variante. Er war nicht der erfahrene Hauptkommissar, der der jungen Hauptkommissarin zeigt, wo es langgeht. Er hat sich aber nicht einfach in die zweite Reihe verdrückt, sondern seine Kollegin kritisiert. Król spielte konsequent den rationalen, aber desillusionierten Steier: ruhig, gefaßt und doch präsent. Was das mit dem Friseur noch werden soll, werden wir sehen.
Kunzendorf-Mey war, was manche vielleicht bedauern, nicht so flippig-siebzehnjährig wie beim letzten Mal, sondern erwachsener, aber zugleich nicht abgebrüht, sondern vom Fall mitgenommen. Sie war diesmal mehr Charakter als Type. Der Rolle tut das gut. – Und die angekündigten Kickboxfähigkeiten konnte sie nun auch einmal zeigen
Beide stellten weiterhin Gegensätze dar, aber deutlich weniger schematisch als beim letzten Mal.

Wagner-Rita war die erste auffällige Figur. Sie wirkte völlig befremdlich, als sie den noch unbekannten Mann zusammenstauchte. Man konnte auch nicht wissen, daß es der Mörder ist. In was ist man da als ahnungsloser Zuschauer hineingeraten? Die Irritation löste sich erst auf, als man den psychopathischen Täter kennenlernte. Wagners Spiel war nicht einseitig. Beim Treppeputzen war sie ruhig und lauschend.
Dem sexsüchtigen Forster hätte man nicht auch noch eine Alkoholsucht andichten müssen. Uwe Bohm hat das zum Vorteil der Rolle nicht ausgewalzt.
Stephanie Eidt als Dr. Lotz war glücklicherweise keine Krimiklischeepsyhologin, die selbst in die Klapse gehört.

Spätestens als Mey in der Wohnung von Eggers war, konnte man auf die Idee kommen, daß wie in „Todesbilder“ (824) aus Leipzig, der Journalist der Mörder ist (und den Verdacht auf jemanden anderes lenken will). Als journalistischer Gegenpart, der diese Person als besessenen Sonderfall gekennzeichnet hat, diente nur der ruhige Chefredakteur. Eggers Fanatismus wurde allerdings von Kiefer gut gespielt .

Brillant war freilich Marc Bischoff als Holger, und zwar weil er nicht zu dick aufgetragen hat. Er war als Täter deutlich erkennbar, aber man brauchte als Zuschauer – wie die Ermittler – noch Beweise. Sicherlich ist so etwas eine dankbare Rolle; doch man kann daran scheitern. Bischoff hat aber nicht einfach einen Perversling dargestellt, sondern einen, der seine Perversionen zu verbergen sucht und erst überführt werden muß. Etwas zu kurz kam in der Rolle die Rationalität, mit der die Verbrechen geplant und vorbereitet wurden.

Der Fall paßte nach Frankfurt, hätte aber auch in einer anderen Großstadt passieren können. Immerhin wurde das Lokalkoloritbedürfnis durch ein paar deutliche Einstellungen bedient. Wichtiger war, daß die Bilder nicht den Eindruck einer künstlichen Welt erweckten, die der Wirklichkeit nur ähnlich ist.

Es war zwar nicht das erste Mal, daß mit subjektiver Kamera der Alltag des Mörders abseits vom Tatort aus seiner Sicht gezeigt wird. Hier wurde er aber nicht isoliert, sondert dort gezeigt, wo er mit Menschen in Kontakt steht, durch die er auf seine Opfer kommt. Auch so wurde dem Realismusanspruch Rechnung getragen. Wer ein letztlich unterhaltsames Märchen erwartet, stört sich daran.
Zur Machart dieser Frankfurter Produktionen gehört die Bebilderung der Fallrekonstruktionen. Es erscheint mir etwas eigenwillig. Daß gezeigt wurde, was der überspannten Mey durch den Kopf schießt, unterstützte dagegen die Spannung.
Der Hang zum Realismus ist bei den Frankfurtern ja angenehm zu sehen. Das gibt es Lagebesprechungen vor den Kollegen, statt daß zwei Kollegen einsam einen Fall lösen. Aber benutzt man bei der hessischen Kripo heute noch Overhead-Projektoren?
Etwas ungeschickter war die Inszenierung in ihren „Abkürzungen“, die hier im Forum zu Kritik geführt haben. Man mußte sich manches denken, z. B. daß der Besuch von Steier und Mey in der Klinik vorbereitet war, oder daß Monate vergangen waren, seit Mey versetzt wurde. Völlig unrealistisch war es, daß beim letzten Opfer die Tür von der Polizei eingeschlagen wurde und die Prostituierte wenig späten ihren Mörder empfangen konnte.

Täter- und Ermittlerperspektive zu kombinieren ist eine Schwierigkeit von Kriminalfilmen dieser Art. Die Kompromisse die man eingehen muß, können die Spannung mindern. Es bleibt nicht genügend Zeit, die Ermittlungsarbeit bis ins letzte Detail zu zeigen, oder es kann nicht gezeigt werden, wie der Täter zu entkommen versucht. Spannungsbögen werden unterbrochen. Das war auch in dieser Folge manchmal der Fall. Andererseits kann man auch die beiden Perspektiven in Spannung setzen. Ein Verhör hat einen besonderen Reiz, wenn man als Zuschauer weiß, daß der Täter sich herauswinden muß. Hier kam noch hinzu, daß dem Mörder die Tat nicht bewiesen werden konnte. Insgesamt wurde die Schwierigkeit bewältigt.

Diese Folge war deutlich besser als Nr. 817 „Ein toter im Nachtzug“. Das Ermittlerduo hat sich weiterentwickelt. Die Orientierung an der Realität ging nicht in einer fortgesetzten Typisierung der beiden als schrill und grau unter.
„Das Böse“ war nicht etwas, das von außen auf unser unschuldiges Land hereinbricht. Man kam ohne Exotik aus. Nicht einmal die Prostituierten arbeiten in einem abgegrenzten Rotlichtviertel.
Innerhalb des Tatorts sind diese Frankfurter mit ihrem Realismuskonzept eine eigene Marke gegenüber den Parodien und Parabeln anderer Sender.
Die genannten Mängel reichen nicht zu einer deutlichen Abwertung. Ich gebe 9 Punkte.

Aber das noch:
Die beliebte Selbstmordart mit Gewehr ist nun bekannt und muß nicht weiter vorgeführt werden.
(Tat)ortimOsten
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Re: 836: Es ist böse

Beitragvon (Tat)ortimOsten » Mo 23. Apr 2012, 16:37

heletz hat geschrieben:
Der schechteste tatort seit langem!


Ich weiß ja nicht, was du so zu dir nimmst, aber nimm weniger. Und wenn du schon einen auf ständig wiederholende Pointe machst, schreibe sie wenigstens einmal richtig.
Es bleibt sowieso ein Rätsel, weshalb dieser HR-Krimi schlechter ankommt, als der Möchtegern-Tatort vor 2 Wochen. Kaum geht der Tatort in eine realistischere Richtung, schreit man "langweilig" oder "total an den Haaren herbeigezogen". Aber nun gut.

Ich mag diese Art, wie in Frankfurt die Krimis aufgerollt werden. Polizeiarbeit durch und durch. Das es dennoch bei 90 Minuten Sendezeit etwas schnell gehen muss (psychologisches Gutachten ohne richterlichen Beschluss), damit kann ich leben. Aber die Schilderungen vom Fall sind immer in meinen Augen interessant und es gibt genug Whodunits im deutschen Fernsehen. Hier geht es mehr ums Wie und Warum. Und das Steier in den Hintergrund rückt, wurde hinreichend geklärt.
Diese klaren Arbeitsteilungen und die Abläufe ohne große Nebenhandlungen sind eine schöne Abwechslung zu vielen anderen Krisenschauplätzen. Der WDR kündigt mit dem Dortmund-Tatort auch so etwas in der Richtung an, nur wenn ich schon lese, dass zwei der vier Kommissare ein Verhältnis haben, kannst du das eigentlich schon wieder in der Pfeife rauchen.

In jedem Fall ein Serienmörder-Krimi mit Sinn, Verstand und Hintergrund, bei dem die Kommissarin nicht in die Fänge des Killers gerät, allein dafür gibt es massenhaft Punkte.
Conny Mey mit hoher Stimme und klackernden Stiefeln durch die Frankfurter Flure eine Schau. Nur den plötzlichen Tinnitus habe ich nicht ganz verarbeitet, warum der plötzlich einsetzte. Steier immer noch nicht richtig bei mir angekommen. Für einen Moment dachte ich, er wäre der erste schwule Tatort-Kommissar, das hätte diese Figur in dieser Hinsicht interessant gemacht. Ob Seidel zurückkommen musste, naja.

Prägnante Bilder, die nicht grenzwertig waren, ein Frankfurt, dass man aus der Dellwo/Sänger-Ära kennt und eine krachende Musik, die das gesprochene Wort einige Male übertönte runden diesen starken Mey/Steier-Tatort ab.

"Es ist böse" schiebt sich auf Platz 2 der 2012-Charts

und ist mit einer 9/10 der bislang beste Fall des noch frischen Teams.

Ich bin nicht "Schuld", dass "Die Ballade von Cenk und Valerie" der letzte Batu-Tatort ist.
Bis bald!
Paul Gründel
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Re: 836: Es ist böse

Beitragvon Paul Gründel » Mo 23. Apr 2012, 16:43

chris66at hat geschrieben:ich werd auch den verdacht nicht los, dass sich manche hier besonders gut unterhalten, wenn sie sich schlecht unterhalten gefühlt haben


Den Verdacht habe ich auch schon länger, weil manche doch hier regelmäßig alles niederbashen, was nach Tatort aussieht. Jedenfalls gibts einige Erbsenzähler, die wahrscheinlich ab 20.15 Uhr, mit Stift und Notizblock bewaffnet, vor der Glotze sitzen und jeden "Fehler", jede nicht 1000%-realistische Szene, jeden falschen Ton notieren, um dann, einer Anklageschrift gleichend, punktuell die Folge runterzuwerten. Also mir persönlich wäre das a) zu anstrengend und b) könnte ich mich gar nicht mehr auf den Krimi-Genuss konzentrieren. :roll:

Solange ich mich also gut unterhalten fühle und keine großen Logik-, Spannungs- oder ähnliche Löcher entdecke, kann ich die Sache Tatort richtig genießen. Und gestern wars mal wieder besonders schön: Ein düster-spannender Fall mit so manch hässlich psychopathischem Gesicht und ein ganz starkes Ermittler-Trio mit einer überragenden Conny Mey. Nina Kunzendorf ist für die Tatort-Gemeinde ein riesiger Gewinn, sie kann in ihrer Rolle alle Facetten von tough-selbstbewusst bis betroffen-selbstzweifelnd spielen und tut das auch! 8-)

Bleibe daher weiterhin Fan der "neuen" Frankfurter und besonderer Fan von Kunzendorf/Mey. Deshalb volle 9 Punkte nach Hessen für einen sehr guten Tatort, vielleicht einen der besten seit langem!
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