022: Rattennest

Alles rund um die einzelnen Tatort-Folgen
Elder Statesman
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Re: 022: Rattennest

Beitragvon Elder Statesman » Fr 1. Okt 2010, 10:00

Den Türken-Tatort würde ich auch gerne mal wieder sehen, auch - oder gerade weil - er wirklich schlecht ist. Ein tumber, zum Teil geschmackloser Reißer voller Klischees. Dass man im Detail und in Großaufnahme zeigt, wie jemand unter einer Raupe zerquetscht wird - das ist mir anderswo jedenfalls noch nicht unterkommen, weder im Tatort noch in einem anderen Fernsehspiel. :mrgreen:

Und dass die Polizisten (zumindest die beiden Kollegen von Kommissar Schmidt) noch unsympathischer und ekelhafter gezeichnet sind als der vom bulligen Reinhard Kolldehoff gespielte Gangsterboss und all die kleinen Ganoven - das ist fast schon eine Kunst für sich.

Wenn man sich diese Folge so vergegenwärtigt, dann sieht man, dass die Berliner immer wieder mal Phasen hatten, in denen sie nicht pfleglich mit der Marke "Tatort" umgegangen sind. In den 70ern war es "Tod im U-Bahnschacht" (erst 1992 erstmals wiederholt und 1993 immer noch so heikel, dass man ihn wegen der rechtsradikalen Mordanschläge auf Türken in Solingen kurzfristig aus dem ARD-Programm warf). In den 80ern markierte der viel zitierte Bülow eine Schwächeperiode, in den 90ern waren die zwölf Roiters der absolute Tiefpunkt, nachdem man - das kommt ja noch hinzu - den Qualitäts-Markowitz verprellt hatte.

Mittlerweile gefallen mir die Produktionen aber richtig gut, weil sich die Berliner - ich schrieb es schon in einem anderen Thread - zuletzt auf reines Krimi-Handwerk rückbesannen, gepaart mit Anspruch, ganz ohne Mätzchen.
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sintostyle
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Re: 022: Rattennest

Beitragvon sintostyle » Fr 1. Okt 2010, 10:52

naja Bülow selber war ja nicht sooo schlecht... bin gerade an den Hellmanns dran, da ich momentan bei den Folgen 1999/2000 bin... nachdem mir der erste gut gefallen hat, baute der zweite doch stark ab. Bin mal gespannt wie es weitergeht... Am besten hat mir von den Berlinern der Markowitz gefallen, da kommt so schnell keiner ran...
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Re: 022: Rattennest

Beitragvon lexi4berlin » Di 19. Okt 2010, 19:45

Rattennest ist mein Lieblingstatort. Gut finde ich vor allem, dass die Autoren den Mut hatten, das Böse siegen zu lassen - das ist wohl leider realistischer als so manch anderer Tatort.

Ein Hinweis zur Müllkippe:
Als Rattennest produziert wurde, gab es in Berlin (West) durchaus noch eine eine: Die Mülledeponie Lübars, auf der auch Hausmüll gelagert wurde, wurde erst 1975 endgültig geschlossen.
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Re: 022: Rattennest

Beitragvon (Tat)ortimOsten » Sa 23. Okt 2010, 10:12

Dafür, dass ich überhaupt kein großer Fan von Götz George bin, war der Film gut. Er war spannend, düster (mit der U-Bahn durch die Geisterbahnhöfe), dialektreich und relativ kommissarsverarmt. Schade eigentlich, denn Kassulke war jetzt nicht schlecht.

Warum war der Abspann denn ohne Tatort-Melodie?

Ich verstehe noch etwas nicht. Wie kommt man denn heute auf die Festlegung, dass der Mord innerhalb von 10-15 Minuten stattfinden und den Kommissar auf den Plan rufen muss. Nachweislich war das vor 40 Jahren anders.
Bis bald!
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Sigi
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Re: 022: Rattennest

Beitragvon Sigi » Mo 25. Okt 2010, 05:59

(Tat)ortimOsten hat geschrieben:[...] Ich verstehe noch etwas nicht. Wie kommt man denn heute auf die Festlegung, dass der Mord innerhalb von 10-15 Minuten stattfinden und den Kommissar auf den Plan rufen muss. Nachweislich war das vor 40 Jahren anders.

Ja, früher war so manches anders. Auch das Gebot, den heutigen Tatort für 90 Min. (oder 88:30 Min.) zu konzipieren oder immer nur Ermittlungen der Mordkommission zuzlassen, gab es damals noch nicht. Das von Dir beschriebene kann man wohl unter das Thema Weidererkennungswert fassen. Der Zuschauer soll früh erkennen, dass es sich um einen Tatort mit diesem oder jenem Kommissar handelt.

Man sollte den Zuschauer jedoch nicht dümmer annehmen, als erst ist. Ich denke schon, dass jemand, der sich bewusst für das Sehen eines Tatort entscheidet, damit leben kann oder es vielleicht sogar mal interessant findet, wenn vom üblichen Schema der letzten Jahre abgewichen wird. Hierzu gehört m.E. auch die Sendelänge eines Tatorts. Aber hier sind wir beim Programmschema, was wiederum ein anderes Thema ist.
Es grüßt

der Sigi
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Wachtmeister
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Re: 022: Rattennest

Beitragvon Wachtmeister » Mi 5. Jul 2017, 13:30

Keine Milieu-, sondern eine Klischeestudie. So stellte sich der brave Bürger die Gangster in der Großstadt vor. Die Figuren taugen für eine Parodie; der Film soll aber keine sein. Der Plot selbst (der Handlungsablauf) ist unter diesen Voraussetzungen nicht schlecht. Er folgt nicht einem gängigen Strickmuster. Der Kommissar tritt spät auf. Der Schluß ist immerhin so, wie ihn der brave Bürger nicht wünscht – dennoch deckt auch er ein Klischee ab, das von den großen Hintermännern, an die keiner herankommt.
Die Dialoge wirken sehr schriftdeutsch, zumal das Berlinerisch bemüht und gekünstelt 'rüberkommt. Zumindest Semmelrogge und George hätten es besser können müssen. Trotzdem ist es vergnüglich, den alten Reckinnen und Recken zuzuschauen.

Deutliches Lokalkolorit, noch deutlicher durch Patina, die in 45 Jahren ansetzen konnte: die alten U-Bahntürgriffe, die Müllkippe mit Blick aufs Märkische Viertel, Grenzbahnhof Friedrichstraße, ... Und dann noch die lustigen Anzüge von Jerry-Götz!
Durch die Restaurierung hat die Patina jedenfalls keinen Kratzer bekommen. Sehenswert ist der Film vor allem wegen des Nostalgie-Effekts.

Die Kameraführung ist sehr gut. Es muß nicht immer Breitwand sein! Die Musik ist meistens in die Handlung eingebaut und keine nervende Untermalung; auch das ist ein Pluspunkt.

Guter Abspann, der den Ton aus dem Film einfach weiterlaufen läßt.

Was allerdings 1972 unmöglich gewesen wäre, ist der unmittelbare Anfang des nächsten Films. Aber Ansagerinnen und (vereinzelte) Ansager wurden wegrationalisiert.
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Re: 022: Rattennest

Beitragvon Carrera124 » Do 10. Aug 2017, 17:48

Ich schaue mir die Aufnahmen der letzten Wochen so nach und nach an. Heute war "Rattennest" dran. Knapp 30 Minuten habe ich durchgehalten, den Rest habe ich im Schnelllauf vorgespult und mir dann die Schlussminuten angesehen.
Als Zeitreise ins Berlin des Jahres 1972 ist der Film sicher interessant, aber sonst? Die Geschichte war an Banalität kaum zu überbieten.

Nichtsdestotrotz verdient der RBB Respekt, weil auch solch schlechte Folgen nicht unter den Tisch fallen gelassen werden. Früher war eben auch beim Tatort nicht alles besser.
Kunst kommt von können, nicht von wollen. Sonst würde es Wunst heißen.

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