366: Das Beste für mein Kind

Alles rund um die einzelnen Polizeiruf-Folgen
(Tat)ortimOsten
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366: Das Beste für mein Kind

Beitragvon (Tat)ortimOsten » Sa 2. Dez 2017, 16:46

Rundfunk Berlin-Brandenburg
Frankfurt an der Oder / Swiecko

Fernsehfilm Deutschland 2017

Erstsendung: 03. Dezember 2017

Figuren.
Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski - Maria Simon
Kriminalhauptkommissar Adam Raczek - Lucas Gregorowicz
Inspektor Karol Pawlak - Robert Gonera
Komisarz Wiktor Krol - Klaudiusz Kaufmann
Polizeihauptmeister Wolfgang Neumann - Fritz Roth
Starszy Aspirant Edyta Wisniewski - Katharina Bellena
Gerichtsmediziner Dr. Marian Kaminski - Tomek Nowicki
Anna Kowalska - Agnieszka Grochowska
Bartosz Kowalski - Piotr Stramowski
Sabine Hallmann - Katharina Heyer
Robert Hallmann - Tobias Oertel
Lydia Raczek - Julia-Maria Köhler

Musik: Dirk Dresselhaus
Kamera: Gunnar Fuss
Buch: Elke Rössler und Jakob Ziemnicki
Regie: Jakob Ziemnicki

Der sechs Monate alte Leon Hallmann wird aus der Kinderstation eines Krankenhauses in Frankfurt (Oder) entführt. Zutiefst besorgt, rufen seine Eltern Sabine und Robert Hallmann die Polizei. Wenige Stunden später wird das Baby an einem Krankenhaus im polnischen Gorzów Wielkopolski ausgesetzt. Der Entführer, identifiziert als Pawel Rozanski, wird kurz darauf tot aufgefunden. Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek stoßen im Umfeld des entführten Kindes schnell auf ein kompliziertes Beziehungsgeflecht. So offenbart sich, dass der kleine Leon von den Hallmanns adoptiert wurde.

Die leibliche Mutter Anna Kowalska lebt mit ihrem Ehemann Bartosz Kowalski, einem Lkw-Fahrer, und Tochter Halina in Polen und arbeitet in einem Kinderheim. Angeblich hatte Robert Hallmann ein Verhältnis mit Anna und Leon ist der gemeinsame Sohn. Alles deutet auf eine "wilde Adoption" hin, denn ein erneuter Vaterschaftstest zeigt: weder Robert Hallmann noch Annas Ehemann Bartosz sind mit Leon blutsverwandt.

Unglücklicherweise hängt bei Adam Raczek auch noch der Haussegen schief. Seine Frau Lydia würde gerne wieder arbeiten gehen und in die Stadt ziehen. Doch Adam findet, es sollte alles so bleiben, wie es ist. Kurzerhand setzt Lydia ihren uneinsichtigen Gatten vor die Tür …
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Purzelito
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Re: 366: Das Beste für mein Kind

Beitragvon Purzelito » So 3. Dez 2017, 21:07

Dieses emotionale und vielschichtige Drama ging unter die Haut. Auf der einen (deutschen) Seite der Atheist und seine Frau, die sich gewissenlos ein Kind in Polen erkaufen, auf der anderen (polnischen) Seite das im Katholizismus auf Gedeih und Verderb zusammengeschweisste Ehepaar. Beide zerbrechen an ihren Konventionen.

Babies als Ware im deutsch-polnischen Grenzverkehr. Sind die Erwachsenen sich bewusst, was sie diesen entwurzelten Kindern antun? Sind sie sich bewusst, was sie selbst auf Dauer auszuhalten haben? Ganz richtig wurde an einer Stelle gesagt, die handelden Personen wären emotional unter Eis. Wie lange währt das? Und welchen Gehalt hat der Spruch noch "Die einzige Gewissheit im Leben ist die Mutter"?

Überdies war der Film gut fotografiert. Der Kreisverkehr als Umschlagsort oder als Ausweglosigkeit. Die langen Strassen, die einsamen Landschaften. Das alles erzeugte eine passende gute Stimmungslage für die Story.
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Wachtmeister
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Re: 366: Das Beste für mein Kind

Beitragvon Wachtmeister » Mo 4. Dez 2017, 14:05

Es liegt sowohl am Buch als auch am Darsteller, daß mir KHK Raczek so gut gefallen hat wie nie zuvor. Und schlecht war er bisher auch nicht. Da hat einer private Probleme und kann dennoch seinem Job professionell nachgehen.

Das Drehbuch thematisiert, was man von einem Kriminalfilm erwarten kann: einen Kriminalfall. Persönliche Befindlichkeiten der Polizisten kommen zwar vor, sind aber nicht dominant. Es ist damit das Gegenteil der Tatort-Reihe, die auch vom RBB produziert wird. Der Fall ist interessant und bewegend genug, muß also nicht durch die Psychopathologie der Ermittler aufgepeppt werden.
Letztlich ist es ein durch und durch tragischer Film.
Spoiler :
Alle Verbrechen sind aufgeklärt, aber keiner kann zufrieden sein. Zwei Ehen sind kaputt, zwei Kinder kommen vermutlich in ein Heim. Der leibliche Vater und Entführers des Kleinkindes wurde erschlagen.
Alle Verstrickungen und Taten ergeben sich aus den Motiven der Beteiligten, die zugleich nachvollziehbar, realistisch und zunächst nicht verwerflich sind. Der Fall ist nicht läppisch. Er braucht die anderthalb Stunden zur Aufklärung und bleibt dabei durchgängig spannend.

Die Darstellerinnen und Darsteller spielen diese Handlungsmotive durch und nicht bloß Typen. Im gemischten Ensemble gibt es keine Ausfälle. Wenn mir auch Gregorowicz besonders aufgefallen ist, muß man insgesamt von einer gelungenen Engsembleleistung sprechen, woran sicher die Regie ihren Anteil hat.

Die subjektive Kamera aus der Sicht des Kleinkindes verstärkt paradoxerweise die Aussage, daß mit dem Kind wie mit einem Objekt umgegangen wird, um dessen Bestes es letzten Endes dann doch nicht geht. Die wiederholte Vogelperspektive über dem Kreisverkehr gliedert den Film nicht nur, sondern illustriert auch, daß das Leben nicht so gradlinig verläuft wie die Landstraßen, die man auch zu sehen bekommt.

Weniger überzeugend ist m. E. die Filmmusik, weil sie emotional zu nah am Geschehen ist, das man ja sieht. (Die Kamera dagegen wechselt die Perspektiven)

Das Konzept, die RBB-Reihe des Polizeirufs im deutsch-polnischen Grenzgebiet anzusiedeln und grenzübergreifende Fälle zu behandeln, ist voll aufgegangen. Die Fälle können nicht an irgendeiner Grenze passieren, sondern nur an der zwischen Polen und Deutschland.
Dieses Mal ist es nicht nur gewollt, sondern auch gekonnt.
Frau Vosen
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Re: 366: Das Beste für mein Kind

Beitragvon Frau Vosen » Mo 4. Dez 2017, 18:26

Wiederholung, da im falschen Stream gepostet:

Also ich fand den ganz hervoragend. Sehr berührender Fall, der einen sehr traurig zurücklässt. Zwei Familien zerstört und was wird jetzt mit dem Kind?
Lob auch für den Mut, Polen wirklich Polnisch reden zu lassen. Das ist doch viel authentischer, als wenn die alle astreines Hochdeutsch reden.
(Das würde ich mir auch für den Schweizer Tatort wünschen: Schwyzerdütsch mit hochdeutschen Untertiteln). In Deutschland ist die Film- und Fernsehkultur leider durch das gewohnheitsmäßige Synchronisisern versaut. Originalsprache mit Untertitel hat viel mehr Charme und Authentizität.

Toll fand ich auch am Anfang und am Ende die Filmperspektive aus Sicht des Kindes.


Das einzige, was ich nicht verstanden habe, ist das Motiv für den eigentlichen Mord (eher wohl Totschlag).

Spoiler :
Warum hat Anna Pawel erschlagen, den sie doch eigentlich geliebt hat? War das ein Unfall?
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Purzelito
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Re: 366: Das Beste für mein Kind

Beitragvon Purzelito » Mo 4. Dez 2017, 23:12

@Frau Vosen
Anna wird als eine zutiefst zerrissene Frau zwischen zwei Männern dargestellt. Weil ihr Ehemann den Anblick ihrer Schwangerschaft und später das Kuckuckskind nicht ertragen kann, gibt sie es weg und zerbricht daran. Mit Pawel und den Kindern erträumt sie sich ein neues Leben in Odessa. Doch als es soweit ist und Pawel (mit dem Kind und dem erpressten Geld im Auto) Anna mit sich nehmen will, muss ihr aufgehen, dass es kein richtiges im falschen Leben geben kann, so wie Olga Lenski es ausdrückt. Vielleicht erkennt sie, dass es falsch ist, ihre Ehe gänzlich zu zerstören, ihren Ehemann zu verlassen, den Hallmanns das Kind zu nehmen. Vielleicht kommt es auf der Treppe zum Streit und Pawel will mit dem Kind allein nach Odessa. Es ist die Zuspitzung ihrer Tragödie, dass sie in diesem Moment dem Falschen in ihrem Leben ein Ende bereitet.

In der heutigen Zeit, in der jeder seinen eigenen Lebensweg und sein eigenes Glück verfolgt, manchmal auf dem Rücken seines Partners, erscheint eine solche Entscheidung unverständlich. Ich glaube, man kann sie nur vor dem polnischen und katholischen Hintergrund bewerten. Für das Sakrament der Ehe wird sie zur Sünderin und Büsserin. Einfach klassisch.
Frau Vosen
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Re: 366: Das Beste für mein Kind

Beitragvon Frau Vosen » Di 5. Dez 2017, 20:55

Dankeschön, Purzelito! Sehr interessanter Ansatz! So habe ich das noch gar nicht gesehen, aber das leuchtet mir ein.

Sehr tragisch: Im Endeffekt: ein Toter, 2 zerstörte Ehen und ein traumatisiertes Kind mit 3 Vätern und zwei Müttern, dass im Jugendheim oder bei noch anderen Adoptiveltern landen wird. Und das ganz dennoch sehr realistisch inszeniert. Und ich bleibe dabei: in einer synchronisierten Fassung, bei der die Polen Deutsch oder Deutsch mit leichtem Akzent sprechen, hätte das bei weitem nicht so gut funktioniert.
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Deichgraf
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Re: 366: Das Beste für mein Kind

Beitragvon Deichgraf » Fr 8. Dez 2017, 03:16

Ja auch Danke Purzelito, das ganze Perfekt wieder gegeben.

War richtig gut und Kurzweilig.
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Connortobi
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Re: 366: Das Beste für mein Kind

Beitragvon Connortobi » So 10. Dez 2017, 19:59

Schließe mich dem Lob an. Das Team passt gut (früher war auf dem Revier mehr Klamauk, meine ich mich zu erinnern, auch so etwas wird besser), visuell gibt es einen klare, angenehmen und modernen Stil, dem Zuschauer wird Originalsprache zugemutet - das kann gerne so weiter entwickelt werden.

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