Wird der Tatort immer schlechter?

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Elder Statesman
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Elder Statesman » Di 3. Mär 2015, 20:14

Im letzten Absatz sagst Du es schon: Die Sehgewohnheiten waren vor 40 oder 45 Jahren andere als heute, das kann man nicht vergleichen. Ich habe mich früher mit den zeitgenössischen Kritiken befasst, teilweise aktiv danach gesucht, teilweise sie aber auch auszugsweise nachlesen können. Wenn in den frühen und mittleren 90ern alte Folgen wiederholt wurden (das kam relativ oft vor), dann druckten manche Fernsehmagazine als Zusatzinfo Auszüge dieser Kritiken nach. Der Gong machte das, aber auch die TV-Beilage im Stern war oft aufschlussreich.

Generell kann man sagen: Was damals als gute Folge identifiziert wurde, hat in den meisten Fällen heute noch Bestand. Echte Qualität bleibt eben. Ich weiß von Kritiken, in denen z.B. die frühen Kressins, die frühen Trimmels, einige Haferkamps und natürlich Reifezeugnis sehr gut wegkamen. Diese Tatorte würde man heute noch entsprechend einschätzen. Tod im U-Bahnschacht beispielsweise wurde mächtig verrissen - der ist heute noch schlecht.

Oder nehmen wir die vom Fundus vor Jahren ausgeleuchtete Tatort-Krise von 1980: In der Zeit hagelte es regelmäßig schlechte Kritiken, auch noch nach den drei aufsehenerregenden Flops Der gelbe Unterrock/Mit nackten Füßen/Der Zeuge (die selbstverständlich auch heute noch mäßig bis mies sind). Ich erinnere mich an eine Kritik, ich meine es wäre Beweisaufnahme von 81 gewesen, da machte der Kritiker positive Ansätze aus, mahnte aber, dass der Tatort noch nicht über den Berg sei. Schaut man sich die Folgen dieser Zeit noch mal bewusst an, kann man da vieles an kritischen Tönen nachvollziehen. Also auch da hat sich das Qualitätsbewusstsein nicht geändert.

Genau so wenig wie dieser Kritikpunkt: dass das Privatleben der Ermittler zuviel Raum bekommt. Das schrieb ein Kritiker nach dem Schäfermann "Wer andern eine Grube gräbt". Zwar war die Einbindung der privaten Ebene damals noch relativ neu, sie sollte sich erst mit Schimanski durchsetzen. Dennoch war das ein Punkt, der damals wie heute offenbar ein negatives Bewertungskriterium ist.

Dann gibt es natürlich aber immer wieder Fälle, in denen der Nostalgiefaktor zuschlägt. Der Haferkamp "Rechnung mit einer Unbekannten" kam, wenn ich mich recht entsinne, in der Kritik nicht gut weg. Heute ist das ein Klassiker, der in Fernsehheften angepriesen wird. Auch die Finkes von Petersen sind in Ihrem Stellenwert sicherlich gestiegen, nachdem sie zur damaligen Zeit "nur" gute bis ordentliche Noten bekamen (etwa im Gong). Die sind meiner Einschätzung nach durch die Strahlkraft von "Reifezeugnis" und die beeindruckende Karriere von Petersen erst so richtig Kult geworden.
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Carrera124 » Di 3. Mär 2015, 20:56

Das beantowrtet meine Frage leider nur bedingt. Wenn die Sehgewohnheiten unterschiedlich sind, könnte das ja auch bedeuten, dass Folgen damals als "gut" bewertet wurden, heute aber eher schlaftablettig wirken.
Ist dem so?
Denn wie gesagt, wenn man mal die ersten Folgen betrachtet, stechen da für mich nur die Kressin-Folgen raus, sowie der "Blechschaden". Warum ist der "Tatort" trotzdem zum Erfolg geworden? Wenn ich ehrlich bin, hätte ich nach Folge 1 & 2 die Nr.3 wohl überhaupt nicht eingeschalten. Wurden diese Folgen generell früher positiver bewertet als heute? Oder hat die ARD einfach "ihr Ding" durchgezogen?
Kunst kommt von können, nicht von wollen. Sonst würde es Wunst heißen.
Elder Statesman
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Elder Statesman » Di 3. Mär 2015, 21:24

Mit den geänderten Sehgewohnheiten meinte ich, dass man sich im Jahr 2015 auf die Machart von damals immer wieder einlassen muss, in optischer und auch erzählerischer Hinsicht. Aber die Frage, ob eine Folge gut ist oder nicht, ob ein Thema gelungen umgesetzt wurde oder nicht, ob die Story spannend und unterhaltsam ist, ob die Schauspieler überzeugen - all das wird man damals wie heute ähnlich bewerten.

Ich würde nicht pauschal sagen, dass Folgen früher "besser" bewertet wurden. Murks, Unglaubwürdiges oder Langweiliges wurde da durchaus beim Namen benannt. Ich denke, der Tatort hatte gerade am Anfang einen schweren Stand bei den Kritikern. Man beäugte das Konstrukt mit den vielen Kommissaren noch etwas misstrauisch und fand, dass das Ganze zusammengewürfelt wirkte (was ja bekanntlich stimmte, da die Sender kurzfristig Beiträge liefern mussten; so kamen eben Folgen wie "Auf offener Straße" zustande). Bei Finkes Einstand "Blechschaden" wurde zum Beispiel erfreut angemerkt, dass dies der erste Tatort-Ermittler sei, der es mit Erik Ode im ZDF aufnehmen könne. Was darauf hindeutet, dass "Der Kommissar" 1971 in den Augen der Kritik noch das Maß aller Dinge war.

Das änderte sich freilich, je länger und kontinuierlicher der Tatort lief und sich die Zuschauer daran gewöhnten. So wurde die Reihe denn auch über die zweijährige "Probezeit" hinaus verlängert. Auch entwickelten sich die Einschaltquoten sehr gut.

Insofern: ja, die ARD zog ihr Konzept durch.
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon I814U2 » Do 5. Mär 2015, 08:52

Ich habe ein wenig in den Threads gestöbert und festgestellt: Diesen gibt es schon:
http://www.tatort-forum.de/viewtopic.php?f=31&t=2614.

Diese Idee ist mir auch schon gekommen:
"Vielleicht könne jemand hier mal dazu eine Umfrage starten? Wäre echt gespannt, wie die Zuschauer abstimmen würden."
Frage an die Admins: Gibt dieses Content Management System so etwas her, mit so einem Fenster, wo man anklicken kann: Stimme voll zu, stimme teilweise zu, stimme eher nicht zu, keine Meinung, usw.?

Ansonsten: Alles beim Alten, die einen finden die alten Folgen besser (und habe ihre Argumente), die anderen die neuen (auch sie haben ihre Argumente).
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon CKwon » Do 5. Mär 2015, 10:57

Meinst du auf der Homepage oder im Forum?

Also eine Umfrage im Forum könnten wir anlegen. Wobei da die Frage wäre, wie man die Frage formuliert ohne polemisch oder suggestiv zu sein.

Beispiel "Wird der Tatort immer schlechter?" finde ich als Diskussionsthema gut geeignet, für eine Umfrage passt das als Frage eher nicht, finde ich.
Gebt dem Kaninchen eine Möhre extra. Es hat uns das Leben gerettet.
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Estland-Ute » Do 5. Mär 2015, 12:09

Am Test habe ich mich schon beteiligt und ich hoffe, das klappt auch wirklich.

Bleibst anständig, ich bin ab morgen in Helsinki auf der Messe. Um den Tatort am Sonntag beneide ich Euch jedenfalls jetzt schon!
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Sigi » Do 5. Mär 2015, 18:19

Carrera124 hat geschrieben:[...] Denn wie gesagt, wenn man mal die ersten Folgen betrachtet, stechen da für mich nur die Kressin-Folgen raus, sowie der "Blechschaden". Warum ist der "Tatort" trotzdem zum Erfolg geworden? Wenn ich ehrlich bin, hätte ich nach Folge 1 & 2 die Nr.3 wohl überhaupt nicht eingeschalten. Wurden diese Folgen generell früher positiver bewertet als heute? Oder hat die ARD einfach "ihr Ding" durchgezogen?

Selbst, wenn dem so ist, muss man auch die damalige Fernsehlandschaft und das sonstige gesellschaftliche Verhalten berücksichtigen. Einerseits gab es für die meisten nur drei Programme, anderseits war das Freizeitangebot nicht so breitgefächert wie heute.

Will sagen: Man blieb - auch wenn einem die ersten Folgen nicht so gefielen - beim Tatort hängen, der sich dann entsprechend entwickelt hat.

Oder um Elders Worte entsprechend abzuwandeln: Die ARD konnte ihr Konzept durchziehen.
Es grüßt

der Sigi
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Carrera124 » Do 5. Mär 2015, 18:28

Sigi hat geschrieben:Selbst, wenn dem so ist, muss man auch die damalige Fernsehlandschaft und das sonstige gesellschaftliche Verhalten berücksichtigen.

Genau darauf zielte mein Beitrag ja ursprünglich ab.

Konkrete Frage: Warum die ersten Folgen damals als "gut" wahrgenommen? Lässt sich das heute noch rausfinden?
Kunst kommt von können, nicht von wollen. Sonst würde es Wunst heißen.
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clubmed
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon clubmed » Fr 3. Jul 2015, 20:36

gerade aus dem Netz "gefischt"
"9,5 Gründe, die gegen den "Tatort" sprechen
Dreht sich der "Tatort" mehr und mehr um sich selbst? Untergräbt er den Rechtsstaat? Wird der Vorspann überschätzt? Zum 950. "Tatort" neuneinhalb Thesen gegen der Deutschen liebste Krimireihe."

http://www.badische-zeitung.de/computer ... 15399.html
Rheinbrück
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Re: 955: Hinter dem Spiegel

Beitragvon Rheinbrück » Mo 14. Sep 2015, 22:46

Vorneweg: Tschuldigung, liebe Moderation, ich mache Euch Arbeit. Ich halte folgenden Artikel

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/ ... ht_almanya

für lesens- und diskussionswert, finde aber in der Übersicht nicht den richtigen Karteikasten.

Ich freute mich, eine Art Handlungsanweisung zu finden. Die <Diskussion Tatort> für den von mir empfohlenden Link böte sich an, aber erforderte einem neuen Unterthread. Dies fände ich nicht gut, weil sich zu viel Verzweigungen ergäben. Ebenso erginge es mir, den Link in eine der Folgendiskussionen anzuschließen, in denen es um das Thema geht, das der verlinkte Artikel anspricht.

Ich habe diese Meinung hier untergebracht, weil er den neuesten Fall bespricht, "offtopic" (Suche nach einem Begriff in unserer Sprache), weil ich (mich wiederholend) nicht weiß, wohin damit.

Mit herzlichen Grüßen an die Leute, die sich die Arbeit machen (Estland-Ute und alle anderen).


P.S.: Ich suchte gerade nach einem "Smiley" für Ute - und fand stattdessen nur negative.

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