Wird der Tatort immer schlechter?

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Sonderlink
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Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Sonderlink » Do 26. Feb 2015, 09:23

Aus gegebenem Anlass (siehe Thread "Das Haus am Ende der Straße").

Ich werde jetzt mal eine provokative These in den Raum stellen und dann versuchen, sie zu begründen:

Ja, der Tatort wird immer schlechter (auch wenn hin und wieder eine große Folge gesendet wird - zuletzt: Gegen den Kopf, Ohnmacht, Franziska, Das Haus am Ende der Straße). Das Mittelmaß ist allerdings vorherrschend.

- 36 Folgen pro Jahr ergießen sich mittlerweile über die Zuschauer. So viele gute Drehbücher, so viele griffige Themen - ohne sich ständig zu wiederholen - kann es gar nicht geben. Als es noch 12 Folgen pro Jahr waren, war die Qualitätsdichte höher. Ausfälle (Tod im U-Bahnschacht) hat es immer gegeben.

- Ein Sender hat nicht mehr so viel Zeit für eine Produktion. Da passieren Fehler.

- Der bestehende Kostendruck wird immer größer. Da ist es schwer, immer Qualität abzuliefern.

- Weniger ist mehr: Es gibt zu viele Ermittlerteams.

- Behauptung: Autoren, Regisseure, Kameraleute und Schauspieler haben früher (ich nehme jetzt mal die 70er Jahre) handwerklich bessere Arbeit abgeliefert. So, wie in jeder Branche die Qualifikationen schwinden, die talentierten und leistungsfähigen Bewerber weniger werden, ist das auch beim Film. Das fängt wahrscheinlich bei den Autoren bei der Rechtschreibung an. Wie sollen sie es auch lernen, wenn sie in ihren SMS alles klein schreiben? Diese Verschlechterung geschieht antiproportional zu der Entwicklung der technischen Möglichkeiten.

- Irgendwann begann dieser unselige Trend, den Ermittlerfiguren mehr Profil und somit mehr Sendezeit zu geben. Eine ganz schlechte Idee! Die Nebenhandlung verkam mehr und mehr zum Selbstzweck. Kann man überall nachlesen, wenn z.B. "Helen" mal wieder allen auf den Geist ging.

Wenn ich jetzt darüber noch länger nachdenken würde, fiele mir sicherlich noch mehr ein. Ich bin Komplettist, das heißt, ich genehmige mir auch Teams, die mir nicht so zusagen. Nur an die Mareks habe ich mich noch nicht herangetraut, wer ärgert sich schon gerne freiwillig. Das mag wie ein Widerspruch wirken, denn das sind ja alte Folgen. Hier geht es aber nicht grundsätzlich um die Qualität der Produktion sondern um eine Aversion gegen Hauptdarsteller und Lokalkolorit.

Ich bin gespannt auf Eure Gegendarstellungen,
abwartende Grüße, Sonderlink
marlowe
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Re: 937: Das Haus am Ende der Straße

Beitragvon marlowe » Do 26. Feb 2015, 10:11

Estland-Ute hat geschrieben:---> Und wer möchte, kann natürlich GERNE an anderer Stelle eine Diskussion zum Thema "wird der Tatort immer schlechter" aufmachen! Ich wäre schon gespannt, was da zur Sprache käme.


Das mache ich vielleicht wirklich - obwohl die Diskussion in den anderen, nicht folgenbezogenen Unterforen leider oft recht schleppend ist - weil mein Eindruck absolut derselbe wie der vom Pirschelbaer ist. Frueher gab es mal Ausreisser nach unten. Jetzt freut man sich ueber jeden Ausreisser nach oben. M.E. liegt das daran
(i) dass jede Sendeanstalt auf der Quotenzug Tatort aufspringen will, am besten mit mehreren Folgen pro Jahr und mehreren Teams in verschiedenen Staedten, so dass der Tatort immer mehr ausfranst und Masse vor Klasse geht;
(ii) dass der Erfolg der ambitionierteren Sender wie HR und BR die anderen Anstalten dazu motiviert hat, auf Teufel kaum raus was Besonderes machen zu wollen (um jeden Preis auffallen), was aber leider nur wenige Drehbuchschreiber hinkriegen - dabei ist dem Publikum ein spannender klassischer Krimi doch allemal lieber als das pseudocoole Kasperletheater, das neuerdings um sich greift.

Sorry for off topic, ich moechte nur Pirschelbaers Qualitaetsanspruch unterstuetzen. Ich gucke jedenfalls, anders als frueher, bei weitem nicht mehr jeden Tatort, sondern waehle nach Sender/Ermittler/Beteiligte aus, was ich schaue und was nicht.
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Estland-Ute
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Estland-Ute » Do 26. Feb 2015, 10:16

Ich bin ja als Moderator recht viel hier im Forum unterwegs, vor allem, wenn mal eine alte Folge ausgegraben wird und neue Postings kommen, lese ich mir normalerweise alles durch. Und siehe da: seit mind 5 Jahren wird über den "schlechter werdenden" Tatort geschimpft. Zur Zeit unerträglicher, vor ein paar Jahren durchaus milder und netter.

In einem stimme ich zu: es sind zu viele Teams. Und es ist zu viel Profilierungssucht hinter den vielen Teams. Für mich hätte man mit dem Ausscheiden von Leipzig und Erfurt auch eine Lücke lassen können, anstelle schon wieder über ein neues Team nachzudenken. Das gleiche gilt für den Bodensee - ich sehe das Ausscheiden dieses Teams nicht gerne, aber dann bitte nicht sofort wieder Ersatz. Das Personal-Karussell dreht sich meiner Meinung nach im Moment ein wenig zu schnell, sicherlich kann jemand eine Statistik liefern, wie viele Teams in den letzten beiden Jahren ausgeschieden sind, wie viele Teams dazu kamen. Da verliert man leicht den Überblick.

Aber ob der Tatort schlechter wird? Ich finde: nein. Allerdings sollte man von "verantwortlicher Seite" die Quoten zum Anlaß nehmen, wieder mehr Drehtage und mehr Budget zu investieren.
Carrera124
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Re: 937: Das Haus am Ende der Straße

Beitragvon Carrera124 » Do 26. Feb 2015, 10:22

Ich unterschreibe den Beitrag von marlowe zu 100%. Ich habe exakt den gleichen Eindruck.

Wobei speziell diese Steier-Folge zumindest in der Rangliste sehr gut platziert ist, zumindest war sie das als ich zuletzt reingekuckt habe.
Kunst kommt von können, nicht von wollen. Sonst würde es Wunst heißen.
Floyd Pink
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Floyd Pink » Do 26. Feb 2015, 14:00

Ich glaube, der Eindruck der nachlassenden Qualität insgesamt wird bedingt durch

!) zu viele Ermittler, teilweise in zu raschem Wechsel (wobei es früher ja auch schon reichlich Eintagsfliegen gab) - wurde ja schon mehrfach erwähnt, Quantität sorgt nicht für Qualität, sondern Beliebigkeit
2) insgesamt Inflation von Serien mit Krimibezug, was nicht immer befruchtend auf den Tatort wirkt. Der letzte Konstanzer hätte auch im Vorabendprogramm laufen können. der letzte Borowski war mal wieder recht "skandinavisch". Ist ja nicht schlimm, aber früher war mal (teilweise, auch nicht immer) der Tatort das Flakschiff, das die Richtung vorgab.
3) der Eindruck verstärkt sich auch dadurch, dass einige Teams "gealtert" sind und einfach nicht mehr so zünden wie früher (schwächere Drehbücher, Geschichte langsam auserzählt, repetitive Elemente rund um Ermittler etc.) Beispielhaft Ludwigshafen, Köln und auch München (mit Ausreißern nach oben).
4) wird allerdings auch vieles mit der Zeit verklärt - man erinnert sich lieber an Kurzschluss, Reifezeugnis, Der Richter in Weiß, Kressin stoppt den Nordexpress, Haferkamp oder Schimmi als an Buchmüller, Kasulke, Brinkmann, Walther oder Bülow.

Also ein klares jein :D
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Kuhbauer » Fr 27. Feb 2015, 13:53

Ich weiß nicht
Ich schaue mich gerade chronologisch durch die "Tatort"-Historie.
Seid doch mal ehrlich.
Was da, gerade in den 80ern und 90ern teilweise für ein hanebüchener Schrott versendet wurde, das hält man kaum aus.
Klar, es gab in jedem Jahrgang eine oder mehrere Perlen, aber das hat sich ja nicht grundlegend geändert bis heute.
Da gilt wie überall die "Gaußsche Kurve". Von 10 Tatorten sind 6 Durchschnitt, 3 schlecht und 1 ein Highlight.
Früher gab es 3 Programme, da war man froh, einmal einen Krimi zu sehen; heute hingegen klagen wir-finde ich- auf einem recht hohen Niveau.
Wer täglich die Auswahl aus geschätzt 150 Programmen hat, der hat vielleicht andere Ansprüche, und vor allen Dingen ist er eher geneigt, durch Wegzappen seine Meinung kund zu tun.
In diesem Sinne ...

Grüße

Kuhbauer
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Herr_Bu » Fr 27. Feb 2015, 14:33

Kuhbauer hat geschrieben:Ich weiß nicht
Ich schaue mich gerade chronologisch durch die "Tatort"-Historie.
Seid doch mal ehrlich.
Was da, gerade in den 80ern und 90ern teilweise für ein hanebüchener Schrott versendet wurde, das hält man kaum aus.
Klar, es gab in jedem Jahrgang eine oder mehrere Perlen, aber das hat sich ja nicht grundlegend geändert bis heute.
Da gilt wie überall die "Gaußsche Kurve". Von 10 Tatorten sind 6 Durchschnitt, 3 schlecht und 1 ein Highlight.
Früher gab es 3 Programme, da war man froh, einmal einen Krimi zu sehen; heute hingegen klagen wir-finde ich- auf einem recht hohen Niveau.
Wer täglich die Auswahl aus geschätzt 150 Programmen hat, der hat vielleicht andere Ansprüche, und vor allen Dingen ist er eher geneigt, durch Wegzappen seine Meinung kund zu tun.


Hallo,
das sehe ich ähnlich. Es gab von Anfang an immer wieder mal herausragende, dafür auch mal schlechte(re) Folgen, dazwischen viel Durchschnitt. Anfang der 1980er Jahre hatte die Qualität des Tatorts angeblich so stark nachgelassen, dass Stimmen zu seiner Absetzung laut wurden. Auch davon hat sich der Tatort wieder erholt, spätestens als er mit Schimanski eine seiner nachhaltigsten "Marken" erfunden hatte.
In den späten 80er, frühen 90er Jahren gab es zusätzliche Wandlungen, weil die Zeit der "alten" Einzelermittlerfiguren langsam zu Ende ging. Es kamen die "Neue" Odenthal und die Münchner als erstes gleichberechtigtes Ermittlerpaar.
Später hat bei neuen Ermittlern häufig der private Überbau zu großem Raum eingenommen. Darüber unzufrieden resultiert für viele Tatortschauer wohl der Eindruck, dass die Krimis immer schlechter werden.
Und mehr Geld für die Produktionen früher hat nicht immer mehr Qualität mit sich gebracht. Es war sicher auch eine Frage, mit viel "Herzblut" oder "Engagement" die jeweilige Redaktionen der Anstalten sich ihrer "Teams" angenommen haben.
Grüße Herr_Bu
Fabian Hinrichs: „Die Öffentlich-Rechtlichen sollten sich in ihren Programmentscheidungen nach einem anderen, einem wirklichen Qualitätsprinzip richten. Man sollte die Leute zur Mündigkeit erziehen, da bin ich wirklich Adorno-Schüler."
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Sonderlink » Fr 27. Feb 2015, 15:34

Kuhbauer hat geschrieben:Ich weiß nicht

Du scheinst Dir nicht ganz sicher zu sein.....
Kuhbauer hat geschrieben:Da gilt wie überall die "Gaußsche Kurve". Von 10 Tatorten sind 6 Durchschnitt, 3 schlecht und 1 ein Highlight.

Sieht nach einer griffigen Begründung aus, aber nein, Kuhbauer, die Gauß´sche Normalverteilung gilt eben nicht überall. Von 10 Tatorten sind 6 Durchschnitt - guter Durchschnitt, durchschnittlicher Durchschnitt, schlechter Durchschnitt? Warum 6, es könnten doch auch 7 sein? Hält das einer ernsthaften Prüfung stand?
Was ist naheliegender, als einmal im Fundus zu ermitteln? Die werten Tatortkenner befanden die Folgen zwischen 2000 und 2010 im Durchschnitt mit 6,72/10.
Dann wurde der Tatort schlechter.
Denn seit 2010 liegen die Erstsendungen nur noch bei 6,5 im Schnitt. Und das, obwohl viele der jüngeren Teilnehmer die älteren Folgen gar nicht bewertet haben, umgekehrt aber schon, was eigentlich die jüngeren Folgen begünstigen müsste. Außer Acht gelassen wurde auch, dass die neuen Folgen eher den geänderten Sehgewohnheiten (der jüngeren Zielgruppe) entsprechen. Schlussfolgerung: Eigentlich müssten die jüngeren Folgen besser bewertet sein. Meine These lässt sich für die angegebenen Zeiträume also durchaus statistisch untermauern. Ihr könnt das gern mal für die von Kuhbauer herabgewürdigten 80er und 90er Jahre durchrechnen, das war mir jetzt zu aufwändig.

Aufaddierte Grüße, Sonderlink
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Kuhbauer » Fr 27. Feb 2015, 15:40

Mag sein, ist ja "nur" meine Meinung. Andere sind natürlich ebenfalls willkommen.
Auf eine Qualifizierung: Durchschnitt--mittlerer Durchschnitt--unterer--oberer-- usw lasse ich mich nicht ein.
Durchschnitt ist Durchschnitt, weil er durchschnittlich ist.
Ich möchte mal auch noch eine andere Sache in den Raum stellen: Wer postet denn hier? Wer beschwert sich über fehlende Qualität?
Ist es nicht vielleicht auch so, dass man nach 10 Jahren intensiven Befassens mit dem Thema ein wenig betriebsblind geworden ist?
In diesem Sinne ...

Grüße

Kuhbauer
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Estland-Ute » Fr 27. Feb 2015, 15:56

Ich finde nicht, daß allein die Bewertungen im Fundus eine Richtschnur sein können. Ich habe beispielsweise noch nie dort bewertet.

Ich sehe seit ca. 3 Jahren wieder überhaupt fern und praktisch nur den Tatort, weil ich alles mühsam aufzeichnen muß. Daher bin ich auch nicht Vorabend-Krimi-überdrüssig, sondern freue mich auf die gelungene Abwechslung am Wochenende und sehe mir den Tatort auch gerne an. Gibt bessere, gibt schlechtere. Gestern war es "Alles Palermo" - den fand ich grottenschlecht. Und vorgestern den "Starkbier" ebenfalls. Obwohl die Münchner zu meinen absoluten Favoriten zählen!

Also... egal, was da im Fundus so bewertet wird - viele Folgen werden nicht allzu oft oder eben jahrelang gar nicht wiederholt, das verzerrt dann durchaus das Ergebnis. Und viele, viele andere Faktoren auch.

Sonderlink, ich wäre Dir sehr verbunden, wenn Du andere Schreiber nicht ganz so aggressiv angehen würdest.

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