Wird der Tatort immer schlechter?

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Sonderlink
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Sonderlink » Fr 27. Feb 2015, 16:25

Was, bitte, ist daran aggressiv? Da haben wir offenbar völlig unterschiedliche Ansichten.
Carrera124
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Carrera124 » Fr 27. Feb 2015, 16:28

Ich denke, man kann nicht erwarten dass jede neue Tatort Folge ein Top-Highlight ist.
Ich persönlich erwarte auch keinen hype-realitätsgetreue Abhandlung, denn es handelt sich immer noch um fiktionale Stoffe.

Trotzdem muss man auch bei fiktionalen Stoffen Dinge wie Logiklöcher und allzu realitätsferne Elemente kritisieren dürfen.
Wenn einen Tatort-Folge aus dem Jahr 2013 einen Sachverhalt darstellt, der in der Realität schon seit 1990 mit Schengen II nicht mehr aktuell ist, da frage ich mich schon wie um alles in der Welt so etwas Einzug in ein Drehbuch finden kann.
Oder auch die Rolle und Dienstzimmer von Staatsanwälten... in gefühlt jeder zweiten Tatort-Folge wird es so hingestellt, als sei der Staatsanwalt örtlich und dienstlich tief in den Polizeiapparat integriert. Nun ist das nicht mein Spezialgebiet, aber ich habe hier schon oft gelesen dass das mit der Realität nicht viel zu tun hat.

Steigert es wirklich die Qualität eines Fernsehfilms, wenn man von der Realität weiter abweicht als nötig? Klar, aufgrund der Dramaturgie muss jedes Drehbuch die Realität mehr oder weniger beugen. Trotzdem habe ich immer wieder den Eindruck, dass es sich der Drehbuchautor an manchen Stellen zu einfach gemacht hat, indem aus Bequemlichkeit etwas völlig krude zurechtgebogen wird.
Kunst kommt von können, nicht von wollen. Sonst würde es Wunst heißen.
Knipperdolling
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Knipperdolling » Fr 27. Feb 2015, 16:47

Ich würde, zur Ausgangsfrage, die Gegenthese vertreten. Nein, der TATORT wird nicht schlechter. Zum einen geht es mir wie Herr_Bu und Kuhbauer: Wenn ich mir die alten Filme aus den 80ern und 90ern anschaue (auch durchaus einige der 70er), kann ich mich oft kaum zwingen, bis zum Ende durchzuhalten (und ich bin immerhin schon so alt, dass ich das zumindest ab den 80ern noch als zeitgenössisch nachempfinden kann). Da waren ganze Reihen dabei, die ich völlig unterdurchschnittlich fand, ich erinnere nur an Brinkmann. Und bis in die jüngere Zeit hinein: Bienzle bleibt für mich der Inbegriff des behäbig-bräsigen Langweilerkrimis mit tränentreibend peinlichen Humor-Versuchen. Ob's Gauß ist, weiß ich nicht, aber ich teile die Einschätzung, dass immer schon ein großer Teil durchschnittlich war, einige Filme herausragten und einige abfielen. Wenn ich mal sehr viel Zeit und Langeweile habe, könnte man mal ermitteln, ob die Quote womöglich im Wesentlichen über all die Jahrzehnte gleich geblieben ist, also die prozentualen Anteile der guten, schlechten und durchschnittlichen Filme. Das wäre zumindest meine Vermutung. Natürlich bedeutet das bei steigender Zahl der Filme auch mehr durchschnittliche und schlechte Fälle pro Jahr - aber eben auch mehr gute.
Davon abgesehen glaube ich, dass wir derzeit eine besonders hochqualitative Phase des TATORT erleben. Ich habe den Eindruck, in den letzten Jahren wird sich wieder viel mehr getraut, es wird mehr experimentiert, die Grenzen werden klug ausgeweitet. Natürlich polarisieren gerade solche Folgen oft, in meinen Augen sind sie aber nicht nur interessanter als der Durchschnitt, sondern das Lebenselexier der Reihe. Selbst wenn auch aus meiner Sicht mal das ein oder andere Experiment scheitert.
Und bei all den Befürchtungen, die Marke TATORT erodiere etc., sehe ich angesichts der stetig steigenden Beliebtheit und Bedeutung, was sich sowohl in Zuschauerzahlen als auch in der Dominanz in den Medien angeht, genau das nicht. Natürlich, so ist es mit jedem Hype, wird sich das auch mal wieder legen. Und dann sind wir wieder unter uns ... Aber im Moment habe ich den Eindruck, dass die ARD sehr geschickt damit umgeht und die Flamme so am Köcheln hält. Also, meinetwegen kann das gerne so weitergehen. Und ich hätte auch gar nichts gegen noch den ein oder anderen Termin mehr, der dann auch gerne von noch dem ein oder anderen zusätzlichen Ermittler/team betreut werden darf.

Es ist ja nicht alles schlecht heute:
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon I814U2 » Fr 27. Feb 2015, 20:39

Das ist eine interessante Fragestellung, ich habe auch schon ein paar Mal darüber nachgedacht. Mir sagen diese alten Schinken nicht so zu, ich bin aber auch erst später - in den 80ern - eingestiegen. Mir gefallen die heutigen Folgen insgesamt besser als die der 80er und der 90er Jahre, zwischen 2005 und 2015 etwa sehe ich überhaupt keinen Unterschied. Ich hätte gern weniger Teams, die aber mit stärkerer Kontinuität, wie bei Lena Odenthal. Die begleitet mich jetzt länger als mein halbes Leben. Im Moment ist alles etwas ausgefranst, mit diesen "Sonderfolgen" oder wie die heißen.
Sonderlink hat geschrieben: So, wie in jeder Branche die Qualifikationen schwinden, die talentierten und leistungsfähigen Bewerber weniger werden, ist das auch beim Film. Das fängt wahrscheinlich bei den Autoren bei der Rechtschreibung an. Wie sollen sie es auch lernen, wenn sie in ihren SMS alles klein schreiben? Diese Verschlechterung geschieht antiproportional zu der Entwicklung der technischen Möglichkeiten.

Das fällt mir seit einiger Zeit verstärkt auf. Bei unseren Auszubildenden sind die Kompetenzen rückläufig, besonders bei der Rechtschreibung, aber auch in Sachen Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit oder Umgang mit Kunden. Aber kann man das auf die Filmproduktion übertragen? Da fehlt mir der Einblick. Sonderling, Ich finde Deine Zahlen sehr interessant. Ich weiß zwar nicht, wie du das ermittelt hast, aber sie legen nahe, dass die Folgen, zumindest in den letzten fünf Jahren, schlechter aufgenommen wurden. Objektive Maßstäbe gibt es ohnehin nicht, man müsste sich der Mittel der Marktforschung bedienen, um einigermaßen verlässliche Aussagen treffen zu können. Das Geld dafür wird aber niemand in die Hand nehmen.
Sonderlink hat geschrieben:Was, bitte, ist daran aggressiv?

Also, ich finde diese Diskussion (bislang) sehr sachlich und überhaupt nicht aggressiv. Weiter so!

Schönes Wochenende, Val
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sintostyle
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon sintostyle » Sa 28. Feb 2015, 08:29

Also bis auf Sonderlinks Aversion gegen Marek und Lokalkolorit stimme ich seinen Ausgangsbeitrag zu.
Einige Perlen (ORF, Dortmund, Münster, Wiesbaden, FFM) stehen gerade bei den älteren Teams zum Großteil nur Schnitt manchmal auch nur Schrott (Ludwigshafen leider mittlerweile) entgegen.

MMn nach werden die Drehbücher mit der Menge an Teams immer schlechter.

Was das Thema Aggression angeht: ich kann KEINERLEI Aggressionen in Sonderlinks Beitrag erkennen. Ute ich habe manchmal den Eindruck die bist seeeeehr empfindlich. Dies ist immer noch ein Forum und kein Heimatfilm aus den 50ern mit Friede, Freude, Sonnenschein.
Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben.... Den Rest habe ich einfach verprasst! (George Best)
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Estland-Ute » Sa 28. Feb 2015, 10:31

sintostyle hat geschrieben:
Was das Thema Aggression angeht: ich kann KEINERLEI Aggressionen in Sonderlinks Beitrag erkennen. Ute ich habe manchmal den Eindruck die bist seeeeehr empfindlich. Dies ist immer noch ein Forum und kein Heimatfilm aus den 50ern mit Friede, Freude, Sonnenschein.


Ich will nur den Anfängen wehren. Wenn da wieder einer aufspringt und hier ein Wortgefecht anfängt, weil dieser jemand eben seeeeehr empfindlich ist, dann habe ich wieder die Verschieberei am Hals... reiner Egoismus. Und so empfindlich bin ich gar nicht.
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Kuhbauer » Sa 28. Feb 2015, 14:22

Hallo Freunde,
ich oute mich mal als Tatort - Fan der ersten Stunde: ich erinnere mich (Jahrgang 1962) noch an Szenen, wo ich regelmässig heimlich durch die Glastür ins Wohnzimmer schielte und die ersten Tatorte der 70er mit anschaute, obwohl mich meine Eltern sonntags extra früher ins Bett gechickt hatten. 8-)
Und ich schaue noch immer gerne Tatort, heute sogar ganz offiziell.
Und ich finde es schön, darüber zu reden, zu streiten, zu diskutieren, sich zu empören, früher auf dem Schulhof, heute eben hier.
Aber bei aller Liebe zum Genre, und bei allem Respekt:
Bitte vergesst nicht, wir reden hier über ein Unterhaltungsprogramm, mehr nicht! Wir retten damit nicht das Abendland, und wenn morgen ein paar Fernsehmacher dies so beschließen und den "Tatort" einstellen, dann geht eben dieses auch nicht unter.
Diskussion gerne, auch mal kontrovers, aber letztendlich sind wir doch alle nur hier, weil wir ein gemeinsames Hobby haben.
In diesem Sinne ...

Grüße

Kuhbauer
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Hackbraten » Sa 28. Feb 2015, 23:16

Sonderlink hat geschrieben:Ja, der Tatort wird immer schlechter


Ich habe jetzt die ganze Diskussion durchgelesen und finde Sonderlinks Ausgangsthese überaus plausibel: Wenn es immer mehr Tatorte gibt, muss die Qualität einfach schlechter werden.

Mein eigenes Gefühl und wohl auch meine Wahrnehmung der letzten Folgen sagt allerdings das Gegenteil, ich finde die Folgen des Tatortjahres 2015 bislang überdurchschnittlich und die Folge Im Schmerz geboren vom letzten Herbst bewies meines Erachtens, dass es auch weiterhin Ausreißer nach oben gibt.
Wobei es sicher eine Rolle spielt, dass seit dem Einstieg von Bibi Fellner und Sarah Brandt zwei bis dahin zuweilen eher mittelmäßige Standorte deutlich gewonnen haben.
Und selbst die Teams-hören-auf-Meldungen scheinen sich auszugleichen: Die von mir heißgeliebten Konstanzer hören auf, aber das wird den Durchschnitt des Tatorts nicht herabreißen, weil ja auch die von mir garnichtgeliebten Leipziger gehen.

Insgesamt also: Nein, der Tatort wird nicht immer schlechter, eher besser!
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Elder Statesman » Mo 2. Mär 2015, 23:04

Nach 25 Jahren Dauertatortgucken meine ich: Es gab schon immer Aufs und Abs. Der Tatort 2014/15 hat beides, das Gesamtbild ist durchwachsen. Positiv zu vermerken ist, dass der Tatort es immer noch und immer wieder schafft, packende und relevante Beiträge auf den Sender zu schicken (der jüngste Murot, die Ausstände von Stark und Steier, Hydra). Und: Der Tatort gilt heute als Kult, die Quoten liegen öfter mal wieder im zweistelligen Millionenbereich. Wer hätte das vor ein paar Jahren gedacht? Ist das nun schlecht? Bestimmt nicht.

Eine Erklärung ist, dass man eine größere Vielfalt anbietet als früher. Tatort ist alles heutzutage: Komödie, Action, Sozialdrama, Politthriller und natürlich Krimi. Das ist einezeitgemässe Mischung, würde ich sagen. Wenn die Reihe Erfolg haben will, muss sie das bieten.

Die Kehrseite: der Wildwuchs unter den Ermittlerteams. Dadurch droht durchaus der Verlust von Qualität, durch Beliebigkeit und Verwässerung. Durch den krampfhaften Aktionismus, der ohnehin schon bunten Tatort-Landschaft noch weitere Farben hinzuzufügen. Siehe Erfurt, siehe Saarbrücken, siehe Falke - das sind doch alles dramatisch gescheiterte Versuche aus der Abteilung "Gewollt und nicht gekonnt".

Ein Teil des Problems ist, dass die Sender auf zusätzliche Teams setzen anstatt die Reihe aus dem Bestand heraus zu erneuern. So wie es immer gehandhabt wurde. Die Kölner zum Beispiel schwächeln seit Jahren: Da traut sich keiner ran! Wie lange soll Odenthal noch ermitteln? An Dienstjahren hat sie Derrick überflügelt! Wie lange müssen wir noch die Lürsen sehen? Die Absetzung Bodensee (schnarch) war überfällig, die der Leipziger auch. Da müsste öfter mal entstaubt und entrümpelt werden.
Daran krankt der Tatort heute am ehesten.

Was die Qualität der Folgen angeht: es gibt sehr gute und sehr grottige - wie immer in 45 Jahren Tatort. Allerdings ist, wie auch in der Vergangenheit, zu beobachten, dass manche Sender/Produktionen/Redaktionen pfleglich und kreativ mit dem Tatort umgehen und manche eben nicht. Dieses Gefälle gab es oft.

In den 80ern, als man (Schimanski ausgenommen) vielfach mit abgegriffenen Konzepten fuhr, lag das Übergewicht bei den schwächeren Folgen. In den 90ern und frühen 2000ern war es umgekehrt: da wurde flächendeckend erneuert, man nutzte neue technische und erzählerische Möglichkeiten usw. Momentan würde ich sagen: Es ist einigermaßen ausgewogen. Ein gutes Niveau wird vor allem in Frankfurt, Wiesbaden, München, Berlin und mit Abstrichen auch Kiel gehalten, am anderen Ende der Skala liegen für mich Falke, Leipzig und Saarbrücken. Graue Mäuse sind Köln, Ludwigshafen und Bodensee.
Carrera124
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Carrera124 » Di 3. Mär 2015, 13:29

In dem Zusammenhang frage ich mich, wie denn seinerzeit die Tatort-Folgen in den 70er und 80er Jahren angekommen sind. Internet in der heutigen Form gabs damals ja nicht, aber Printmedien & Co durchaus. Evtl. ein Anreiz für die Seitenbetreiber, nachzuforschen und interessanten Content für Tatort-Fundus.de zu generieren?

In letzter Zeit wurden ja einige der ganz frühen Folgen von 1971/72 wiederholt. Selbst wenn man das im Vergleich zu heute umgekehrte Erzählprinzip mal außer Acht lässt, fand ich die meisten davon relativ bieder bis langweilig, ausgenommen die Kressin-Folgen. Was mich zu der Frage führt, warum der Tatort überhaupt ein Erfolg werden konnte. Heutzutage werden neue Reihen/Serien ja gerne rigoros abgesägt wenn der Auftakt die Erwartungen nicht erfüllt.

Andererseits sind die heutigen Sehgewohnheiten, -Landschaften und -Erwartungen ja völlig andere als 1970, weswegen mich die zeitgenössischen Kritiken interessieren würden.
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