Wird der Tatort immer schlechter?

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Purzelito
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Purzelito » Fr 23. Jun 2017, 21:34

Was für ein Abgesang, Berger!

Möglicherweise stellt sich nach Jahren oder zuvielen Tatorten eine Depression ein.

Ich schaue erst seit ca. 10 Jahren bewusst jeden Tatort. Vorher sah ich alle Schimanskis, andere Tatorte nur sporadisch.

Schimanski stellt für mich die absolute Spitze des Tatortschaffens dar. Vielleicht ist das aber auch nur eine Verklärung, die das Alter mit sich bringt. Damals gab es nicht viel Vergleichbares, nicht viele Sender und nicht die Flut von Krimis wie heute. Alte Tatorte mag ich mir nicht mehr anschauen. Sie wirken für mich wie aus der Zeit gefallen. Vieles, was damals als Aufreger galt, ist heute nur noch kalter Kaffee. Aus diesem Grund würde ich mir nicht zutrauen, ein Urteil über diese Folgen zu fällen.

Natürlich ist ein Grossteil der Bewertung von der Sympathie gegenüber den Darstellern geprägt. Das Thema ist mir ziemlich wurscht. Wichtig ist die Umsetzung und die Ausstattung. Am liebsten ist mir, wenn mit den Autoren und Regisseuren die Phantasie durchgeht und die Schauspieler das auch noch gut umsetzen können. Ich denke da an (für mich) absolute Spitzenfolgen wie "Das Dorf", "Wer bin ich?", "HAL" oder "Babbeldasch", auf die man sich natürlich einlassen können muss.

Ich schaue mir die Folgen aller Teams an, da ist es nur natürlich, wenn Folgen darunter sind, die nicht meinem Geschmack entsprechen. Manche Teams könnte ich zum Blocksberg wünschen. Daraus zu schlussfolgern, der Tatort würde immer schlechter, käme mir nicht in den Sinn. In der Vergangenheit sind Teams in der Versenkung verschwunden, um die es wirklich schade ist. Ich kann den Verlust von Batu nicht verschmerzen. Der NDR war mit ihm seiner Zeit weit voraus. Warum das Publikum diesen verdeckten Ermittler nicht mochte - keine Ahnung. Überdies ist es sehr schade um das Team Kappl/Deininger, deren letzte Fälle gut waren. Und Steier/Mey fehlen mir auch.

Meine persönliche Bilanz der letzten Saison sieht grob so aus:
Gut gefallen (15 Folgen)
991, 996, 997, 998, 1001, 1002, 1003, 1004, 1011, 1012, 1015, 1019,1020, 1023, 1025
Mittelmässig (13 Folgen)
992, 994, 999, 1000, 1006, 1008, 1009, 1010, 1014, 1016, 1017, 1021, 1022
Schon wieder vergessen (9 Folgen)
990, 993, 995, 1005, 1007, 1010, 1013, 1018, 1024

Das halte ich für eine gute Ausbeute der Sonntagabendunterhaltung. Nur 9 Abende Enttäuschung, aber das kann ich ja durch Meckern im Forum kompensieren! Nein, ich glaube, der Tatort wird nicht schlechter. Er geht nur mit der Zeit und sucht sich dabei andere Wege, sonst wäre er schon längst weg vom Fenster.
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Trolliver
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Trolliver » So 25. Jun 2017, 09:45

Wenn meine persönliche Bilanz der vergangenen 25 Folgen so aussähe wie deine, Purzelito, wäre ich auch Tatort-Fan. Dabei geht es mir fast wie dir: früher fast nur Schimanski, dann ab und zu mal was und dann 10 Jahre lang so ziemlich jeden. Bis mir allerdings vor anderthalb Jahren der Kragen geplatzt ist und ich viele Teams gleich rausgeschmissen habe, manche erhielten noch eine oder zwei Chancen. Das System ist durchlässig.

Dortmund war bei mir schon unten durch, ist wieder auf dem Plan. München (!! Hätte ich nie gedacht!), Berlin und einige weitere tue ich mir nicht mehr an. Auf Kiel und Wien freue ich mich eigentlich... waren zuletzt auch schwach für meine Begriffe. Die Franken finde ich ganz gut, erfrischend anders (freundlich!).

Doch daraus abzuleiten, der Tatort würde immer schlechter, könnte ich nicht. Mein Geschmack ändert sich auch. Die Menge ist hoch, doch das allein wäre sicher nicht das Problem, sonst könnte es manche andere gute Formate ja auch nicht geben. Vielleicht eine Geldfrage? Drehbuchautoren kosten, das ist auch richtig.

Dann sollte es allerdings bald bergauf gehen, denn Millionen und Milliarden für den Sport werden in Zukunft eingespart und wohl kaum über die GEZ an die Konsumenten zurückgereicht. Und soo viel verdienen Drehbuchautoren nun auch wieder nicht. Vielleicht sollte ich mal fragen, ob ich mitmachen kann... ;-))
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Sonderlink
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Sonderlink » Mi 5. Jul 2017, 20:17

Ich habe noch kein Team "rausgeschmissen", obwohl einige fällig wären. Habe beschlossen, mich durchzuquälen, immerhin fehlen mir nun nur noch zwei Folgen, vermutlich totlangweilige Österreicher aus den farblosen Spätachtzigern. Die liegen hier auf Festplatte, aber ich schiebe das Vergnügen schon seit Wochen vor mir her. Ich habe mich in den letzten vier Jahren durch die Bienzles und Palüs und Roiters hindurchgearbeitet und fiel dabei oft genug in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Man kann diesen Folgen zugute halten, dass noch nicht pausenlos mit Handys telefoniert wird. Es waren trotzdem harte Zeiten, dagegen schaffe ich die knapp 90 Minuten eines Waschke/Becker locker!
Ich genoss jetzt die restaurierte Version von „Rattennest“. Dieser frühe Berliner hat nun keine besonders spektakuläre Handlung und wurde bereits vom Kollegen Wachtmeister im Folgenthread als geradezu parodiehaft klischeelastig geschmäht. Mir hingegen fiel auf, dass mir die Handlung eigentlich völlig egal war - ich delektierte mich einfach nur an den archaischen Ausstattungsdetails: Dem Haarteil von Frau van Bergen, den tollen Fahrzeugen, den Fransenstiefeln des jungen Latschke, dem moosgrünen Ausgehhut der Seniorin in einer Statistenrolle, und und und - es gab unglaublich viel zu entdecken, Gegenstände aus einer mittlerweile versunkenen Epoche. Und genau das macht die Faszination der alten Folgen aus und wertet sie heute auf - sie werden eigentlich von Jahr zu Jahr besser. Aber vermutlich muss man diese Zeiten selbst miterlebt haben, um so zu denken.
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Joerg57
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Joerg57 » Do 6. Jul 2017, 12:02

Sonderlink hat geschrieben:Ich habe noch kein Team "rausgeschmissen", obwohl einige fällig wären. [...]

Ich schon... :mrgreen:
Sonderlink hat geschrieben:Habe beschlossen, mich durchzuquälen...

Respekt! :!: :lol:
Sonderlink hat geschrieben:[...] Gegenstände aus einer mittlerweile versunkenen Epoche. Und genau das macht die Faszination der alten Folgen aus und wertet sie heute auf - sie werden eigentlich von Jahr zu Jahr besser. Aber vermutlich muss man diese Zeiten selbst miterlebt haben, um so zu denken.

Die Musik, die visuellen Eindrücke - all das weckt bei den zeitgenössischen Betrachtern eine Flut von Erinnerungen, die das Ereignis [die Tatort-Folge] zu einem ganz persönlichen und besonderen Erlebnis machen.

Wer nicht selbst dabei war, kann es auch nicht nachempfinden [und will es wohl auch nicht]. :)
Just my 2 Pence, Gruß, Joerg57
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon jochensge » Mi 19. Jul 2017, 23:11

Ich kann mich bei der Frage denen anschliessen, die dies eher neutral sehen. Es sind einfach andere Zeiten, die auch dann logischerweise den Tatort beeinflussen.

Das fängt an beim produktionstechnischen. Das gilt ja nicht nur für den Tatort, sondern auch für andere Filme. Ich habe vor einiger Zeit alle Bond-Filme gesehen und auch dort kann man eigentlich eine ähnliche Entwicklung sehen. Das war verglichen zu heute am Anfang teilweise hanebüchen und lächerlich wie man zB mit Miniaturmodellen gearbeitet hat. Aber mit der ganzen Stimmung und dem Bewusstsein, aus welcher Zeit der Film kommt, komme ich damit sehr gut klar. Für mich ist das auch ähnlich wie bei Sonderlink, dass ich die ganzen Details bei älteren Tatorte richtig genau betrachte und mich daran ergözen kann. Das gilt auch für Drehorte, die man dann versucht wiederzuerkennen.

Man kann das aber auch weiterführen auf die gesellschaftliche Debatte. Es wurde hier erwähnt, dass die Aufladung der Tatort mit aktuellen gesellschaftlichen Themen nervt. Da kann ich persönlich nur zustimmen, mich nervt das auch. Aber auf der anderen Seite ist das meiner Meinung nach aber auch ein Spiegelbild der heutigen Gesellschaft (nicht nur von Medien). Man fokussiert sich auch bestimmten Themen. Es wird intensiv eine Aufklärung gefordert, vergisst aber dadurch, dass man eventuell damit andere Punkte, die aktuell nicht relevant sind, nivelliert. Ich spüre das nicht nur in Medien, sondern auch in Politik, Sportvereinen, Schulen (was Eltern zB teilweise einfordern). Ein ähnlicher Punkt ist das Privatleben der Kommissare. Auch hier war eben früher so etwas einfach für viele uninteressant, was jemand privat gemacht hat. Heute gerade auch durch die Möglichkeit mehr Infos über das Internet zu bekommen, ist es aber eher gefragt. Das wird dann auch eben für eine fiktionale Figur gemacht. Unabhängig davon, ob das jetzt einen persönlich interessiert, ist es meiner Meinung nach nicht von der Hand zu weisen, dass dies ein Trend/ eine Mode ist.

Ich würde mir trotzdem wünschen, dass man einfach die Masse an Tatorten zurückfährt. Ich brauche zB nicht 3 Köln-Tatorte/Jahr, auch wenn mir die letzten Folgen wieder besser gefielen. Wenn man die Wiederholungen guckt merkt man auch immer wieder, wie viele Tatort in den letzten Jahre im Gegensatz zu früher produziert werden (hab jetzt ohne hier ganz exakt zu sein, nur die fortlaufende Nummerierung der Folgen als Zählweise genommen), da sind die Folgen 4xx aus den 90er und wir sind aktuell bei über 1000. Zudem haben die dienstältesten Kommissare Odenthal und Batic/Leitmayr mit 2xxer-Folgen angefangen.

70er Jahre: 107 = 10,7/Jahr
80er Jahre: 119= 11,9 Jahr
90er Jahre: 205= 20,5/Jahr
00er Jahre: 319=31,9/ Jahr
10er Jahre: 275 (alleine nur bis September 2017) 39,3 /Jahr . Diese Zahl ist jetzt allerdings so nur auf 7 Jahre bezogen, dürfte sich dann aber am Jahresende und logischerweise am Ende des Jahrzehnts sogar noch erhöhen. Einfach angenommen, man hält weiterhin die 36 Folgen von 2016 ein, wird man bei 364 Folgen für 2010-2020 sein.

Mir ist da wirklich viel zu viel "Prestigemanagement" der Rundfunkanstalten dabei, bei denen es dann nicht mehr wirklich um den Tatort geht, sondern darum dass man im "Tatort-Rad" mitmischt und seinen gerechten Anteil daran haben möchte. Die ganzen Gedankengänge bei den zusätzliche Tatortstädten/-regionen und den Rochaden (Leipzig läuft aus, dafür nimmt man dann Dresden) sind für mich überflüssig.
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Re: Wird der Tatort immer schlechter?

Beitragvon Loreleycamper » Di 12. Sep 2017, 07:39

Wird der Tatort immer schlechter?
-Mit derartigen Formulierungen tue ich mich schwer.
Auch wenn man persönlich manchmal gerne „Ja“ rufen würde, halte ich wenig von solchen Urteilen. Das klingt mir alles zu kulturpessimistisch. :(

Im Buch „Menetekel – 3000 Jahre Untergang des Abendlands“ befasst sich der Autor Gerhard Henschel mit dem Phänomen des Kulturpessimismus. An vielen Original-Zitaten (die einen schon manchmal ermüden können) und seinen oft erfrischenden Kommentaren zeigt er, dass es wohl zu allen Zeiten Stimmen gab, die die aktuellen Zustände in einem schlechteren Licht sehen als die in einer jüngeren oder ferneren Vergangenheit.

Die aktuell erlebte Gegenwart ist häufig nicht so großartig/ereignisreich/gemütlich als die Vergangenheit, die in der eigenen Erinnerung gerne verklärt wird. Und doch geht es weiter, Dinge verändern sich (oft schleichend) und im Rückblick erscheint das meiste, was kam, schlüssig.

So, mein erster Beitrag nach dem Datencrash.

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